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Warum regen sich die anderen auf? Leonhard, gespielt von Florian Brückner, versteht nicht, warum er als Dorfschande ausgegrenzt wird.

Drama "Magdalena" am Volkstheater: Der verlorene Sohn

Der Tanz bringt die Wende zur Katastrophe. Wenn sich der Mayr-Sohn in schriller Travestie-Aufmachung – rote Perücke, roter Fummel, rote Monster-Stöckel – auf dem kleinen Wirtsgarten-Tanzboden wiegt, dann verlieren die Bauernburschen ihre Masken.

Sie haben diesen Leonhard mit dem ach so schlechten Ruf zur Show gezwungen – und nun springt ihre homosexuelle Seite aus ihren eigenen aufgepeitschten Körpern wie ein Schachterlteufel. Mit Lügen und Meineiden drücken sie ihn zurück, verursachen dabei die Verstoßung zweier Menschen aus der Gemeinschaft: Sie fordert, der Vater solle sein Kind aufgeben. Der sieht nur noch einen Ausweg, einen archaischen, den wir aus der Tragödie kennen: die Tötung des Kindes.

Ludwig Thoma (1867 bis 1921) legte das Volksstück „Magdalena“ vor 100 Jahren vor. Jetzt inszenierte es der Schauspieler Maximilian Brückner (Jahrgang 1979) für das Münchner Volkstheater. Die knapp zweistündige Premiere, bei der sich im Publikum Theater- und Filmleute, Nachbarn aus Brückners Riederinger Heimat und natürlich Faninnen tummelten, war am Donnerstagabend.

Zu den schönsten Einfällen seiner Gestaltung gehört neben der Idee, aus Leni einen Leonhard (Florian Brückner) zu machen, der Tanz. Er entfesselt und entlarvt nicht nur. Brückner führt ihn schon zu Beginn des Stücks ein, wenn der Mayr-Vater Thomas (Wolfgang Maria Bauer ) in seinem Wirtsgarten feiert, weil er gegen den großkopferten Bauern und Bürgermeister Moosrainer (zu wenig abgründig: Alexander Duda) einen Prozess gewonnen hat. Da deutet Mayr, schon leicht angesäuselt, mit seinem türkischstämmigen Nachbarn Esat (sympathisch, aber blass Ercan Karaçayli) einen Männertanz an, zieht ihm das Hemd aus der Hose und tätschelt seinen nackten Bauch. Und später will der junge Mayr die Aushilfe Zenzi (aufrecht: Mara Widmann) mit einem fetzigen Disco-Solo bezirzen. Allein schon daran wird klar, dass Maximilian Brückner tief in den Thoma’schen Text eingestiegen und ihn ganz zu sich herangezogen hat. Aber mit Respekt und ohne modische Blödeleien. Das Wichtigste: Die alte bairische Sprache bleibt erhalten. Auch wenn gerade die drei Jüngsten im Team, Peter Fasching, Franz Maier, Ferdinand Schuster (Bauersöhne), darin genauso wie bei der schauspielerischen Leistung auf recht wackligen Beinen stehen. Da kann naturgemäß ein erfahrenerer Regisseur besser helfen.

Auch die übrigen Schauspieler hatten großteils mit diesem Debütanten-Faktum zu kämpfen. Man agiert schon auf sehr unterschiedlichem Niveau – vom Laienspiel über Solidität bis Feinsinnigkeit. Maximilian Brückner schuf zum Beispiel für Ursula Burkhart eine wunderbare Basis. Ihre Mariann Mayr, Mutter von „Magdalena“, im adretten Trachtenkostüm samt lila-weinroten Strümpfen (Katharina Dobner setzt diese Farbe immer wieder als Ausrufungszeichen) ist kein liabs Muatterl und keine bescheidene Hauserin wie bei Thoma, sondern eine gestandene Geschäftsfrau mit scharfem Blick aufs Geld. Angesichts ihres Todes und der Liebe zum verlorenen Sohn wird das unwichtig. Erbarmen zählt jetzt, nicht gesellschaftliche Anerkennung und finanzielle Sicherheit. Das Versprechen, das Kind nicht zu verstoßen, ringt sie ihrem Mann ab. Burkhart und Bauer gelingen innige Szenen von elterlicher Ohnmacht und Verzweiflung und ehelicher Zärtlichkeit.

Endlich ist Wolfgang Maria Bauer wieder auf einer Münchner Bühne zu erleben. Kein junger Feger mehr, sondern in der Vaterrolle. Aber auch da kommt er bis zur körperlichen Raserei, ein in die Enge getriebenes Tier, das sein Junges bis zum Letzten verteidigt. Schön, dass er zu Anfang hingegen auf leise Töne setzt, Zartheit, Resignation, unterdrückte Wut. Bei der Premiere lief das noch ein bissl unrund, aber das spielt sich ein. Wie wohl auch manche Tempoverschleppung bei der Inszenierung.

In das Dorfumfeld – Wirtsgarten-Einheitsbühnenbild mit toten Bäumen und Stümpfen als Sinnbild (Katharina Dobner) – versucht sich Sohn Leonhard zu integrieren. Weil er in der Stadt auf den Strich ging, wurde er von der Obrigkeit heimgeschickt. Sitzt nun als Pfahl im Fleisch der Doppelmoral. Florian Brückner spielt das ehrlich, geradlinig. Da ist einer, der gar nicht versteht, warum sich die anderen so aufregen. Eine gute Zusammenarbeit der Brückner-Brüder: fein abgestimmt. Das gelingt Maximilian Brückner bei seiner Regie nicht immer, denn sein Anliegen bringt er überdeutlich vor. Diese Erstlings-Krankheit wird sich bei weiteren Inszenierungen verlieren – die sollten kommen. Schließlich hat er uns alles in allem mit „Magdalena“ eine runde Sach’ geboten.

Simone Dattenberger

Nächste Vorstellungen

am 3., 4. 3., 089/ 523 46 55.

Die Besetzung

Regie: Maximilian Brückner.

Ausstattung: Katharina

Dobner.

Darsteller: Wolfgang Maria Bauer (Thomas Mayr, Wirt),

Ursula Burkhart (Mariann Mayr, Wirtin), Florian Brückner (Leonhard Mayr, ihr Sohn), Alexander Duda (Jakob Moosrainer, Bürgermeister), Mara Widmann (Lorenza Kaltner, Aushilfe bei Mayr), Peter Mitterrutzner (Benno Köckenberger, Kaplan),

Hubert Schmid (Valentin Scheck, Bauer), Ercan Karaçayli (Esat Yildirim), Peter Fasching (Martin Lechner, Bauernsohn), Franz Maier (Georg Stelzer, Bauernsohn), Ferdinand Schuster (Alois Leitner, Bauernsohn).

Die Handlung

Zum Ehepaar Mariann und Thomas Mayr, das eine Wirtschaft und eine Metzgerei betreibt, wird der Sohn Leonhard von Amts wegen aufs Land zurückgeschickt. In Ludwig Thomas Originalstück ist es das gefallene Mädchen Magdalena. Der Bub der Mayrs ist in der Stadt auf den Strich gegangen, weil ihm alles Ersparte gestohlen wurde. Im Dorf wird nicht nur die Schande breitgetreten und die Familie ausgegrenzt, Leonhard wird schließlich auch erneut verleumdet und bedroht. Um ihn nicht der Menge zu überlassen und selbst verstoßen zu müssen, tötet ihn der verzweifelte Vater.

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