Dramen im Tröpferlbad

- "Der Abend läuft gut", lächelt Anette Spola ihr kleines vergnügtes Lächeln - und sieht dann ganz jung aus. Im Grunde kaum älter als auf den schönen Szenenfotos von vor 35 Jahren, als sie zusammen mit Philip Arp im ehemaligen Schwabinger Tröpferlbad gerade ihr Theater am Sozialamt eröffnet hatte: das nun schon legendäre TamS, in seiner bairisch-valentinesken Grundhaltung einzigartig in der Münchner Theaterlandschaft. "Der Abend" zum 35. - schwebeleicht von ihr inszenierte Arp-Texte - ist eine Hommage an den 1987 allzu früh verstorbenen Autor, Regisseur, Schauspieler und legitimen Valentin-Nachfahren.

Erzählen soll sie, von ihrem Beginn? "Ach . . ." Selbst Gegenstand von Mitteilung zu sein, das ist ihr wohl ein wenig unbequem. Und genau so uneitel kennt man sie von der Bühne her: eine schöne Frau, die ihr Aussehen ganz beiseiteschieben kann und am liebsten Clowns und skurrile Typen spielt. Schauspielerin wollte sie von Anfang an werden. Ihre erste Rolle: das Gretchen im "Faust" im Münchner Theater 44. Drei Jahre dann Landshuter Theater. Aber: "In dem Stil, wie Arp geschrieben hat, konnte ich mich als Komödiantin entdecken." Arp und Spola, das war Liebe auf den ersten Blick, menschlich und künstlerisch.

In einem Seminar für Ausdrucksschulung - auch Dieter Hildebrandt ist Teilnehmer - begegnen sie sich. Spola ist 16. Drei Jahre später verheiratet, haben sie, noch während Spolas Landshuter Engagement, ihr eigenes Pantomimetheater, geben Vorstellungen in ihrer Wohnung vor acht bis zwölf nicht zahlenden Zuschauern und gehen fünf Jahre auf Tournee durch ganz Europa und Südamerika.

Theater als Lebenshaltung

Bei Rückkehr 1969 entdecken sie das aufgelassene Brausebad: "In relativ ruinösem Zustand . . . Wir waren ja völlig ahnungslos, ohne Geld, mussten zuerst einmal auf Einnahmen-Teilung spielen. Die erste Premiere war dann auch noch ein Reinfall." Die zweite, Peter Handkes "Quodlibet", jedoch schon ein Erfolg. Danach Valentinaden- und Balladen-Abende, Stücke von Arp, der auch seine Requisiten und Bühnenbilder selbst entwirft, Stücke von Urs Widmer - Sensationserfolg 1980 sein "Stan und Ollie in Deutschland" mit Arp und Jörg Hube -, von Gerhard Polt, Thomas Bernhard u. a. Spola, jetzt doch ein bisschen stolz: "50 Ur- und Erstaufführungen und über 100 Premieren habe ich gezählt. Und gerade habe ich BR-Aufzeichnungen von 1973 und 1980 entdeckt. Dass da solch eine Qualität war, das war mir gar nicht so bewusst. Arp hat unheimlich exakt gearbeitet. Sprache, Stimme, Körperhaltung, das stimmte alles zwischen uns beiden. Überhaupt der ganze Abend, der, so typisch für Arp, nie etwas Abgeschlossenes hatte. Wir wollten damals ja was Neues machen, wo der Zuschauer frei ist im Denken und Fantasieren."

Dieses "Nicht-Fertige" pflegt sie weiter, fühlt sich auch nie als Regisseurin. Theater ist für sie "diese Mischung, wie ein Schauspieler vom anderen etwas abnimmt, lernt und sich einstellt. Das hat, gerade jetzt wieder bei dem Arp-Abend, auch viel mit der Sprache zu tun. Weil die Schauspieler mit dem Bairischen vertraut sind, mit dem emotionalen Gehalt, der da drin steckt. Wie bei Valentin muss man erst alles aufspüren, was um diese Worte drumherum ist. Dann erst erfasst man den tiefer liegenden Gedanken, erst nach einiger Zeit, wenn man das Wort ausgesprochen hat. Und wenn dann durch den Zuschauer noch mal eine Weiterentwicklung passiert - wenn das glückt, ist es das Ideal von Theater."

35 Jahre, für ein freies Theater eine geradezu heroisches Alter. Aber Spolas TamS sorgte immer wieder auch für Abwechslung und Auffrischung. Man erinnert sich an das Londoner Action Theater, Enzo Skalas schräge Neapolitaner, den Schweizer Theatermacher Ruedi Häusermann. Nach Arps Tod waren prägend vor allem die Zusammenarbeit mit Autor Rudolf Vogel und dem für das Winztheater so fantasiereichen Bühnenbildner Eberhard Kürn. Und soeben startet die seit einem Jahr eingerichtete TamS-"Sonntagskneipe" eine Hörspielreihe in Kooperation mit dem Hörtheater Berlin und Deutschlandradio Kultur.

"Es soll ein Podium werden für junge Autoren und Musikkünstler, die auch mal ein anderes Publikum anziehen", sagt die Prinzipalin. Und nachsinnend: "Bei all dem technischen Regie-Aufwand heute fühle ich mich schon ein bisschen als zurückgebliebenes Theater. Aber wenn da einer steht, der mir etwas vorspielt, und ich kann lachen oder weinen, das ist doch das Ursprüngliche des Theaters und mir eigentlich auch das Wichtigste . . . dass ich etwas erfahre über die Persönlichkeit des Schauspielers. Arp hatte das in hohem Maße. Wenn er spielte, war da zugleich auch seine persönliche Haltung zum Gespielten. Und eigentlich ist ja Theatermachen eine Lebenshaltung."

Kontakt für Hörspielmacher: testbartamstheater.de

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