Drang zum Seelenstriptease

- Seine Arbeiten sind der pure Zynismus. Bjørn Melhus schlägt all die zweifelhaften Dinge mit ihren eigenen Waffen, die _ nicht nur _ den Amerikanern hoch und heilig sind: TV-Talk- und Psychoshows sowie Fernsehpredigten. Er steht zwischen Faszination und Ekel und benutzt in seinen scharfzüngigen und skurrilen Videoinstallationen die verführerische, schillernde Macht der Medien. Aufwändige Aufbauten, doppeldeutige Verschnitte und symbolhafte Kürzel stehen für die inszeniert emotionale, künstliche Fernsehwelt. In der üppigen Manier eines Nam June Paik, in der selbstzerfleischenden Art des Fluxus beschreitet Melhus einen Weg der Agitations- und Videokunst, die die Massen genauso einfängt wie bisher die Opfer seines Spotts. Eine treffende Analyse der Suggestivkraft der Medien.

<P>Die Kuratoren Patricia Drück und Christian Schoen haben Melhus in die lothringer13/halle nach München geholt, während in Bremen eine große Werkschau bis 22. September läuft. Die Kooperation mit der Kunsthalle ist gelungen, und man möchte sich aufmachen, um die Bremer Retrospektive der letzten 16 Jahre des erst 36-jährigen Künstlers zu begutachten. Doch auch München bietet genug fürs Auge: "Primetime" ist die prämierte Arbeit von 2001, die den Betrachter auf einem roten Laufgang ins Rampenlicht hebt und geblendet stehen lässt.</P><P>Ein Monitor im Rücken, eine Wand der unzähligen Bildschirme vor sich, eine Großprojektion an der Seite, befindet man sich hier im Schnittpunkt einer Realityshow. Inzest-Themen werden vom Geständnis im Off in die Welt hinausgetragen. Stimmen, Warnlichter, Kürzel des Entsetzens werden mit Bildfetzen gemischt. Das Drama, die Gewalt, das Leid, die Läuterung, all das markiert Melhus in kurzen, stets selbst gespielten Bildern. In schrillen Metaphern entblößt er den Funktionsmechanismus des öffentlichen Seelenstripteases, der vom Drang zur Selbstinszenierung lebt. </P><P>Immer wieder werden religiöse Assoziationen wach, bei "Weeping" schließlich sind die TV-Prediger Gegenstand der so bösartigen wie treffsicheren Sezierung. Dem doppelgesichtigen Prediger werden die Glaubensinhalte "gestohlen", es bleiben leere Worthülsen, die zur Bekehrung zwingen sollen. Das alles geht in einem spektakulären Feuer auf _ eine Apokalypse gar nicht im Sinne der Massenerweckung, sondern der hohlen Selbstdarstellung. Melhus arbeitet stets mit stimmlichen und bildlichen Versatzstücken, die er in den Kontext der menschlichen Sinnsuche setzt. Mittelpunkt ist immer er selbst in aberwitzigsten Rollen. Und so spielt er auch zugleich Gut und Böse in seinem Stück "The oral thing", wo sich antiker Weisen-Chor und tumbe Fernsehglotzer, esoterische Überhöhung und dreckigster Alltag in Zwangskostümen treffen. Wäre das alles nicht so wahr, so traurig, komisch, krass und unterhaltend zugleich, es wäre nur etwas für Hartgesottene. </P><P>Bis 27. Oktober, Tel. 089/44 86961. Katalog: 28 Euro.<BR>Mittelpunkt seiner Videos ist immer in den aberwitzigsten Rollen der Künstler Bjørn Melhus selbst.Foto: lothringer<BR></P>

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