Das Drehbuch hat sowieso das Leben geschrieben

- Ruhm ist flüchtig, flüchtiger noch geworden in einer Welt sich jagend überholender Bilder und Informationen. Auch die gefeiertsten Sportstars, heute von den Medien gehätschelt, sind morgen schon vergessen. Ausnahmen gibt es: Marika Kilius und Hans Jürgen Bäumler, zwischen 1959 und 1964 mehrfach Europa- und Weltmeister, Olympiazweite und noch bis 1982 schwebeleichtes Traumpaar bei Holiday on Ice.

Den Ruhm am Zipfel packend, schafft Bäumler schon 1964, direkt nach der Sportkarriere, den Übergang zum erfolgreichen Film-, TV- und Theaterschauspieler. In der Münchner Komödie im Bayerischen Hof ist er ab heute in Peter Limburgs "Ein Seestern im Garten" zu erleben.

Für Bäumler, den gebürtigen Dachauer, ein besonders freudiges Heimkommen. "Meine Frau und ich sind zwar vor 18 Jahren nach Südfrankreich gezogen, unsere beiden Söhne sind zweisprachig aufgewachsen", erzählt er, schon ganz mit mediterranem Bonvivant-Charme, aber München sei für ihn "dahoam".

Mit 50 kein Eisprinz mehr

Einmal habe er hier gespielt, vor Jahren, in "Prost Mahlzeit" mit Christine Neubauer: "So richtig gschert in bairischer Mundart, gell; do bin i nauskemma, hob a Hendl aus da Jackn zogn und gsogt: Schau her, was i dia mitbrocht hob. Und im Parkett hat's dann geflüstert: ,Was hat er gesagt?’"

Jetzt in der Limburg-Komödie spielt er den gerade von der Gattin verlassenen Architekten Tannefelder. Als Hobby-Restaurant-Tester ist er jedoch auch unbeweibt zufrieden-ausgelastet. "Da taucht Silvia auf, ein junges Mädchen, die ein Restaurant eröffnen möchte und sich von Tannefelder gute Kritiken erhofft", gibt Bäumler ein bisschen preis. "Aber es ist keine Story nach dem Macho-Motto: Tausche 40-jährige Frau gegen zwei 20-Jährige. Peter Limburg, endlich mal ein deutscher Autor, lässt es gar nicht klischeehaft enden."

Kein Klischee-Happy-End auch bei Kilius und Bäumler: "Wenn ich Marika irgendwann mal gefragt hätte, willst du mich heiraten, ich glaube, sie hätte laut losgelacht: ,Wozu denn? Ich hab dich doch sowieso dauernd am Hals.’ 25 Jahre zusammen auf dem Eis, da wird man Bruder und Schwester, eine Arbeitsgemeinschaft. Und wer weiß, ob es mit Heirat jemals so lange gehalten hätte." Das Drehbuch, meint Bäumler, habe "sowieso das Leben geschrieben.

Das kann keinem Autor einfallen. Marika und ich waren die ersten und einzigen nach dem Krieg, die wieder was Positives ins Ausland getragen haben. Dann haben wir, glaube ich, gut zusammengepasst, ganz gut ausgesehen. Und: Es gab damals nur ein Fernsehprogramm! Auch die Leute, die sich für Sport nicht interessierten, mussten Kilius-Bäumler gucken, weil sogar die Tagesschau verschoben wurde, wenn wir um acht Uhr liefen. Das lässt sich heute so nicht wiederholen."

Bäumler, ein Pragmatiker. Für die Schauspielerei hatte er sich immer schon interessiert - "wissend, dass man mit 50 nicht mehr den Eisprinzen vorspielen kann. Als ich dann in zwei Eislauf-Filmen jeweils synchronisiert wurde, hat meine damalige Agentin gesagt: ,Wenn du in diesem Beruf unterkommen möchtest, musst du sprechen lernen.’" Bäumler nimmt also Unterricht, rackert sich hoch über Radio Luxemburg zum ZDF-Moderator. Seinen ersten Theaterauftritt hat er bereits 1964 und dreht in der Folge zahlreiche Filme. "Ich hatte das Glück, in diesem Beruf alles machen zu können", sagt Bäumler dankbar, auch für die harte Show-Schule von Holiday on Ice.

"Ein Chanson singen zu können, gehörte da einfach dazu . . . Aber Samstag und Sonntag je drei Vorstellungen, wie im Pariser Palais des Sports, das ging schon auf die Knochen. Andererseits war das auch ein tolle Zeit. Man muss sich mal vorstellen, dreimal täglich kommen 12 000 Zuschauer, um einen zu sehen."

Also war es Wunsch- und Traumberuf? "Nein. Meine Mutter wollte das. Ich wollte Zahnarzt werden. Eisläufer wird man nur durch Eislauf- oder Ballettmütter. Sie wollte halt unbedingt was aus mir machen, und es ist ihr ja auch gelungen. Aber meine Jugend hat nicht stattgefunden. Es gab Eis, Schule, Essen, Eis, Schule, Essen", hadert er noch nach so vielen Jahren. Und gibt doch zu, dass ihn der Applaus letztlich süchtig gemacht habe: "Ich glaube, ich würde schon nervös werden, wenn ich heute gar nichts mehr im Showgeschäft zu tun hätte."

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