Wo die drei Busen schweben

- Ein Gewirr von Zylindern, Kegeln, Ovalen, die in raffinierten Kombinationen über erregt sich stapelnde Treppen tanzen. Die Gouache "Personnage dans un escalier" (1914) führt das Auge nicht nur in die Irre durch taumelnde stereometrische Körper, die darüber hinaus blau-weiß und rot-weiß gestreift sind, sondern fängt es zugleich mit einer ausgetüftelten Ordnung in der Unordnung wieder ein.

<P>Das Salzburger Rupertinum widmet zurzeit Fernand Léger, der 1881 in der Normandie geboren wurde und 1955 in Giv-sur-Yvette starb, unter dem Motto "L'Esprit Moderne" eine umfangreiche Ausstellung. </P><P>Der Maler startete als Impressionist seine Karriere. Ein kleines spannungsreiches Selbstporträt in der chronologisch aufgebauten Schau zeugt davon. Später vernichtete er fast alle diese Arbeiten. Cézanne und der Kubismus verschafften Léger schließlich den Schub, der ihn in seine persönliche künstlerische Welt katapultierte. Betonte, intensiv durchgearbeitete Körperlichkeit bildete sich heraus: vom farbig aufgewerteten Kubismus über konstruktivistisch geprägte Kompositionen mit den berühmten Röhren-Menschen, die Léger den Spitznamen "tubiste" einbrachten, bis hin zu den naiv anmutenden Radlern, Arbeitern und Matrosen. </P><P>Ob Léger einen Samowar zerlegte und die Einzelteile zu einem fast surrealen, jedoch massiv ausformulierten (1950) Stillleben arrangierte, ob er zwei Frauen mit weichen, aber seltsam verdrehten, tanzenden Gliedmaßen - die Brüste schweben als Kugeln vorweg - im Nichts hängen ließ (1929), er arbeitete Grundmotive heraus: </P><P>das Gesicht, <BR>den Leib, <BR>die Pflanze, <BR>das Ding, <BR>die Frau, <BR>den Arbeiter.</P><P>Dabei benutzte er auch das Prinzip "Contrastes de Formes", um zu gewissermaßen allgemein gültigen, klassischen Aussagen zu kommen. "Paysage" (1925) zeigt eine ausgesprochen reduzierte Landschaft. Fernand Léger setzte nur die Nichtfarben Schwarz und Weiß sowie Grau und den Signal-Schocker Orange ein. So wie er diese Töne gegeneinander stellt, so kontrastiert er architektonische, kantige Elemente mit den weichen Rundungen eines kahlen Baums und der Hügel im Hintergrund. Der Traum von unberührter Natur, vom freien Land, von unbeschränkten Weiten ist obsolet. Landschaft und Pflanze sind nur mehr eingemauerte Teile einer von Menschenhand zugebauten Welt, die sich lediglich ein zartes, hübsches Balkongitter als Spielerei leisten will.<BR> <BR>Später dann, vor allem als Léger vor dem Nazi-freundlichen Regime in Frankreich in die USA ausgewichen war, lockerte er das dicht Konstruierte seiner Bilder auf. Die dicke schwarze Linie kurvte über die Bildfläche, erzählte von ernsten Lippen und Augen, zupackenden Händen, treibenden Wolken und großen Blättern. Zunächst gab sie der Farbe noch eisernen Halt. Dann aber löste auch diese sich aus der Umklammerung. Über die Frauengestalt, die einen Bund Rüben in der Hand hält (1951), legte Léger in breiten Bahnen und Rechtecken Blau, Rot, Gelb und Orange: Als würde ein abstraktes Gemälde auf eine figürliche Zeichnung projiziert werden. </P><P>Dass den Künstler bei aller Neigung zur Stilisierung, zu Maschinenteilen und zu streng Architektonischem der Humor nicht abhanden gekommen war, zeigen die Landpartien mit den Grüppchen, die stramm wie für ein Foto posieren; aber auch bunte Scherze wie "Deauville: Das Krokodil in Grün und Weiß" (1950). Sommer, Sonne, Strandleben hat Fernand Léger hier wundervoll locker und frohgemut eingefangen - ohne Sommer, Sonne und Strand zu malen.</P><P>Wer nach Léger, einem der Heroen aus der Start-Phase der Moderne, noch einem Künstler-Star des gealterten 20. und des jungen 21. Jahrhunderts, nämlich Anselm Kiefer, begegnen will, braucht vom Rupertinum nur in den benachbarten Furtwängler-Park zu spazieren. Inmitten der kleinen Grünfläche steht Kiefers strenger Kubus mit hohen Glasflügeltüren. Dort hat er der Dichterin Ingeborg Bachmann unter dem Titel "a e i o u" zwei Werke gewidmet. </P><P>Das eine, das die Kiefer-typischen trostlos schmutzigen Ackerfurchen zeigt, aus dem sich außerdem Nato-Stacheldraht herauswindet, thematisiert explizit "Wach im Zigeunerlager". Ihm antwortet eine gegenüber platzierte Plastik. Ebenfalls typisch Kiefer: Blei-Bücher im Regal, aus dem natürliche Stacheln, die von Disteln, hervorwuchern. Ein so stiller wie starker Eindruck im Glamour-Trubel der Festspielzeit: und also kein schlechter Auftakt des "Kunstprojekts Salzburg", eine Foundation, die hochkarätige Kunst in den öffentlichen Salzburger Raum bringen will.<BR><BR>Bis 10. Oktober; Katalog: 32 Euro. Wiener-Philharmoniker-Gasse 9; täglich 10 bis 18 Uhr. Tel. 0043/662/8042-2543. <BR></P>

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