Drei Damen vom Club

- "Robinson soll nicht sterben" hieß 1956 ein Film mit Romy Schneider. Darin spielte sie ein junges Mädchen, das den alten, verarmten Schriftsteller Daniel Defoe umsorgt und der dafür seinerseits dem schönen Kind die Geschichte von Robinso Crusoe erzählt. Heute, 50 Jahre später, bemühen sich die Münchner Kammerspiele, den literarischen Klassiker am Leben zu erhalten. Nach Besichtigung der Uraufführung von "Robinson Cruso, die Frau und der Neger" muss man konstatieren: Robinson darf doch sterben.

Ganz ohne Weiber geht die Chose nicht. Das dachte sich der südafrikanische Schriftsteller J.M. Coetzee, als er Daniel Defoes Klassiker "Robinson Crusoe" aus dem 18. Jahrhundert in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts neu schrieb: "Mr. Cruso, Mrs. Barton & Mr. Foe". Er dichtete dem Insel-Abenteurer eine Frau hinzu, übergoss das Ganze mit Nachdenklichkeiten eines Autors über Erinnerung und Wahrheit, fügte Politisches an, indem er Freitag, den Schwarzen, ohne Zunge sein lässt. Sklavenhändler oder vielleicht auch Cruso, der Rassist, hatten sie ihm herausgeschnitten, damit Freitag nicht eines Tages seine Wahrheit zur Sprache bringe.

Hätte Coetzee nicht 2003 den Literaturnobelpreis bekommen, wer weiß, ob in den Dramaturgien der Münchner Kammerspiele und des koproduzierenden NT im belgischen Gent je einer die Idee gehabt hätte, dieses Buch auf die Bühne zu hieven. So aber durfte es Pieter de Buysser "dramatisieren". Und die Kammerspiele brachten nibelungentreu ihr Auftragswerk mit dem Titel "Robinson Cruso, die Frau und der Neger" zur Uraufführung. (Der Begriff Neger steht als provokant gemeintes Überbleibsel aus der Defoe-Zeit.) Johan Simons, der holländische Theatermacher mit dem Hang zum Epischen, machte sich kleinmütig ans Regie-Handwerk. Es wird wohl jeder der Beteiligten gewusst haben, dass diese Bühnenfassung nur für ziemlich langweilendes Erzähltheater reicht, dass sie keinerlei inhaltliche Herausforderung bedeutet, dass man sie nicht durch szenische Effekte aufmotzen kann. Vielmehr war klug inszenatorische Bescheidenheit angesagt und manche darstellerische Feinzeichnung in Sachen Komik, um diesem szenischen Versuch zumindest die Sympathie zu sichern.

Auf der Bühne die überdimensional große Sitz-Skulptur eines "Schwarzen", einer Art Ureinwohner, wie sich ihn der gemeine Europäer so vor 200 Jahren vorgestellt hat. Bronzefarben wie der Rahmen des Kammerspiele-Bühnenportals schimmern die gewaltigen, weit gespreizten Gliedmaßen. Plakatives Symbol für die Figur des sprachlosen Freitag. Davor der Spielraum der Darsteller: das Reich des Schriftstellers Foe.

Bei ihm haben sich gleich drei Weiber eingenistet: die Erzählerin, die auch mal den Part einer vom Dichter erfundenen Tochter übernimmt (Julika Jenkins), sowie die in doppelter Gestalt auftretende Susan Barton. Diese Frau, die als erste Schiffbrüchige Englands literarische Beachtung einfordert, wird kontrastreich gezeichnet - einmal von der herrlich flapsig-charmanten, schwarz gewandeten Sylvana Krappatsch, zum andern von Betty Schuurman, der weiß gekleideten Blondine aus Simons' Genter Truppe.

Ihren unfreiwilligen Gastgeber spielt André´ Jung, dem ein Augenaufschlag reicht, um eine Situation zu ironisieren oder eine Figur zu charakterisieren. Denn als Foe muss er während der Erzählung der Susan Barton immer wieder den Part Robinson Crusos mitspielen und einmal auch den Freitags. In Wahrheit aber scheint André´ Jung hier der Küchenchef eines Robinson-Clubs zu sein. Denn mit Wonne arbeitet er sich während der 110-minütigen Aufführung an der auf der Bühne stehenden Superküchenzeile kochend auf. Sein Umgang mit Messer, Mixer, Herd und Quirl ist staunenswert. Und die kulinarischen Extravaganzen, die er den Club-Damen kredenzt, scheinen nicht übel zu sein. Es muss ja nicht gleich Zunge sein . . .

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