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Getrübte Waldeslust: Siegfried (John Daszak, re.) mit dem toten Fafner (Steven Humes), beobachtet vom Waldvogel (Regula Mühlemann).

Drei Dinge braucht der Mann

Genf - Die Ausstattung siegt: Dieter Dorn und Jürgen Rose bringen in Genf Richard Wagners „Siegfried“ heraus. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Eine kurze Sekunde des Zweifelns gibt es dann doch. Wer ist nun Wotan? Wer Alberich? Der Friseur scheint derselbe: Fünf-Millimeter-Stiftenkopf bis Glatze. Die Kleidungsvorliebe – Mantel, Schlapphut – auch. Das Innere sowieso: Gier, Macht, Ring, drei Dinge brauchen diese Männer. Eine starke Szene. Zwei Abgehalfterte bleiben nicht nur bei verbalen Fiesheiten, verlieren vielmehr die letzten Reste ihrer Würde und gehen einander an die Gurgel. Keiner ist besser als der andere, suggeriert die Regie. Und als Wotan alias Wanderer seinen Speer für kurze Zeit allein lässt, staunt Alberich das knorrige Ding an. Ein schneller Griff, und die Insignie des Gottes wäre sein.

Man muss etwas warten an diesem Abend auf solche Szenen. Der „Siegfried“, dritter Teil von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, ist nicht nettes Scherzo, sondern die härteste Nuss der Tetralogie. Von Märchenwitz über Waldeslust zur Minnebrunst, diesen Spagat bekommen viele nur mühevoll hin, auch Regisseur Dieter Dorn, mittlerweile wandelnde Theaterlegende, und Dirigent Ingo Metzmacher ist das anzumerken. In Genf, am Grand Théâtre, setzen sie mit der „Siegfried“-Premiere ihre auf viele Monate gedehnte Großtat fort. Worauf die hinausläuft, das erfährt man, wenn die gern über die Bühne wuselnden Nornen ihr Schicksalsfadenknäuel endgültig aufgerollt haben – im April, bei der „Götterdämmerung“.

Momente wie der Zwist Wotan/Alberich gibt es einige. Es sind die Szenen, in denen Dorn vorführt, dass es zur Erhellung keinen Konzeptkrampf braucht, sondern ein paar weise, kleine Kniffe. Plötzlich liegt da ein Charakter bloß mit all seinen Beweggründen, Ängsten und Hoffnungen, zuweilen dank einer nie denunzierenden Pointe. Auch im Finale passiert dies, wenn Brünnhilde aus ihrem Straf-Schlaf erwacht. Kein Triumph ist das, sondern ein allmähliches Begreifen. Als Siegfried zu einer frühen Umarmung ansetzt, entwindet sie sich und deutet ablenkend zur Seite: Schau’ mal, mein Pferd.

Verwunderlich ist anderes, zum Beispiel dass der erste Akt verpufft. Siegfrieds Initiation zum Helden, wenn er das Schwert des Vaters neu schmiedet, gerät zur harmlosen Bastelstunde. Dorn gelingt es immerhin, das Karikaturenhafte, Outrierte zurückzufahren. In anderen Aufführungen rast dieser Akt mit schweißnassen Beteiligten inklusive schwer stimmbandgerötetem Siegfried über die Ziellinie. Hier wird (ungewollt?) spürbar: Da kommt noch was, sogar Entscheidendes.

Dazu passt, dass auch Ingo Metzmacher seine eigenen Vorstellungen hat. Nicht das Pathos, das Überwältigende, der Bauchmusiker Wagner interessieren ihn. Nur im Finale lässt er das Orchestre de la Suisse Romande von der Leine. Ansonsten ist viel Feinmechanisches zu hören. Viele filigrane Mixturen, Nadelstichakzente statt Wucht, ein ausgedünnter, wie bereinigter Klang, ein lakonischer, wie selbstverständlicher Gestus, vor allem aber zügige Tempi, die es den Sängern schwer machen, alle Silben unterzubringen: Etwas Drachenblut, das fremde Sprachen verstehen lässt, müsste eigentlich auch dem Publikum gereicht werden.

Nicht unbedingt der Abend Metzmachers oder Dorns ist dies, ein anderer feiert hier seinen Erfolg und genießt ihn still. Dank der Fantasie-Offensive von Jürgen Rose gewinnt dieser „Siegfried“ an Format. Die Schmiede im Bretterverschlag, hinter dem sich drohend die Bäume recken, besonders aber der zweite Aufzug ist eine Wonne. Spektakel, Witz und Poesie greifen ineinander. Mehrere bewegliche Riesenwürste, Fafners Schwänze, krauchen auf dem Boden. In den Bäumen bewegen sich Menschen, die sich als Liebespaare entpuppen. Der Drache selbst ist ein riesiger, vierfachgesichtiger Kopf. Und nicht nur ein Waldvöglein wird von schwarzen Statisten an Stangen geführt, ein ganzer, munterer Schwarm ist da unterwegs. Auch der Feuerzauber im Schlussakt mit seinen Flammenvorhängen dominiert manchen Regie-Einfall. Der Genfer „Siegfried“, ein Ausstattungserfolg.

Man freut sich auch deshalb über die Schauwerte, weil es bei den Sängern eigentümliche Besetzungen gibt. John Daszak in der Titelrolle etwa. Den kannte man, auch in München, bislang als klugen, schönstimmigen Charaktertenor. Sein Siegfried ist ein Kompromiss. Die Wärme, die leichtgängige Substanz in der Lyrik, all das kann nicht aufwiegen, dass Daszak das Heldenerz fehlt. Auch im kleineren Genfer Haus bleibt die Partie für ihn ein gefährlicher Grenzgang, außerdem hat sie sich, ein paar Fehler zeigen es, noch nicht gesetzt.

Anders Petra Lang. Ihre erste „Siegfried“-Brünnhilde glückt der einstigen Mezzosopranisten hochrespektabel. Die gefürchteten Cs sind genau zurechtgelegt, nicht kraftmeiernd attackiert. Phrasenbildungen verraten Textreflexion, ein paar leiernde Tonverläufe lassen sich gewiss abstellen. Auf der Habenseite auch Tómas Tómasson als kerniger Wanderer, Andreas Conrad als nie überschnappender Mime und Steven Humes als nachtschwarztiefer Fafner. John Lundgren (Alberich) hat nur in der Mittellage starke Momente, Maria Radner wirft als verpuppte Erda – wie wohltuend – einmal nicht die Alt-Orgel an. Regula Mühlemann hat als Waldvogel-Puppenspielerin hör- und sichtbar Spaß, wie übrigens auch das Publikum. Hübsche Spielereien sind das, die Weltentwürfe wurden offenbar vertagt auf den Weltenbrand in Teil vier.

Markus Thiel

Nächste Vorstellungen

5. und 8. Februar 2014; Telefon 0041/ 22/ 322 50 50.

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