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Reinhold Baumstark – hier in seinem Büro – ist seit Sommer 1999 Chef der Staatsgemäldesammlungen.

Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Die drei Häuser brummen

Der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Reinhold Baumstark, geht im März mit Erreichen der Altersgrenze in Pension (Nachfolger Klaus Schrenk).

Baumstark hat nicht nur bei der Pinakothek der Moderne Geburtshilfe geleistet und ihre ersten Jahre erfolgreich begleitet, er musste ebenso die weltweit berühmten "Riesenschiffe" Alte und Neue Pinakothek sowie die Schack-Galerie und 13 Zweiggalerien in ganz Bayern steuern.

Eigentlich unlösbare Aufgaben, da das Gesamtbudget zu gering ist, um die laufenden Kosten zu decken, und man weder Ankaufs- noch Ausstellungsetat hat. Ein desaströser Zustand, da Museen keine toten Lagerhäuser für Bilder sind, sondern lebendig wachsende Institutionen, die Menschen Spaß machen.

-Wie ist Ihnen nun beim Abschiednehmen?

Wehmut empfinde ich schon. Man trennt sich ja nicht nur von den großartigen Museen, sondern auch von den tollen Mitarbeitern. Anschließend werde ich wissenschaftlich arbeiten und Bücher schreiben - aber das ist eine eher einsame Tätigkeit.

-Wenn Sie jetzt Bilanz ziehen: Was war die größte Freude, was der schönste Erfolg?

Meine größte Freude war - ich war ja vorher am Nationalmuseum -, zwei großen bayerischen Institutionen dienen zu dürfen. Das war ein Vertrauensbeweis. Ich habe mich schwer vom Nationalmuseum gelöst. Dass ich dann der Erste war, der drei Pinakotheken führen durfte, war eine wunderbare Herausforderung. Mein Credo war immer, dass es eine Chance für München ist, dass die Trias der Häuser von einem Generaldirektor gelenkt wird. Ich hatte exzellente Kuratoren, aber es gibt nicht wie in Berlin oder Dresden pro Museum einen Direktor. Daher herrscht keine Konkurrenz - beim Überlebenskampf würde doch die PDM haushoch gewinnen! Aber so konnte ich dafür sorgen, dass es fair und gerecht zugeht. Das Verzahnen und Brückenschlagen bei den Häusern hat mir unheimlich viel Freude gemacht. In der Summe ist das das Wichtigste.

-Wo liegen die Probleme? Was sind die großen Defizite?

Das ist die Unterfinanzierung der Pinakotheken. Ich bin klug genug, jetzt nicht nach mehr Geld zu schreien. Ich rufe aber auf, die Verteilung der Mittel innerhalb der Staatsgemäldesammlungen anders zu regeln: Der Staat sollte den Sockelbetrag, die Grundkosten, für den Unterhalt übernehmen. Für die Attraktionen sorgen wir dann schon selbst. Aber um dies zu schaffen, brauche ich alle Einnahmen. Die aus dem Kartenverkauf zum Beispiel gehen in den Staatshaushalt. Mein Konzept wäre riskant gewesen, aber das hätte ich mir zugetraut. Entscheidend ist ein marktwirtschaftliches Denken, ein Denken in Verantwortung: Die Mitarbeiter müssen ein Erfolgserlebnis haben, wenn sie sich engagieren. Ich habe die Idee immer und immer wieder vorgeschlagen und auch offene Ohren bei den Ministerpräsidenten und Kunstministern gefunden. Von der Ministerialverwaltung ist sie jedoch weggebissen worden.

-Als Generaldirektor waren Sie durch die Zweiggalerien für ganz Bayern verantwortlich.

Sie haben eine Tradition, die bis auf König Max II. zurückgeht. Das Konzept ist in den 60er-Jahren revitalisiert worden und dann schläfrig geworden. Mein Wunsch war es, die Zweiggalerien sehr ernst zu nehmen: wenn Zweigmuseum, dann auf höchstem Niveau. Vier von ihnen - Schleißheim, Augsburg, Neuburg an der Donau und Bayreuth - wurden in meiner Zeit neu geordnet. Alle vier haben Glanz - Bilder, die sofort in den Louvre einziehen könnten! Es geht hier nicht um Provinz, sondern um Regionen. Und auf deren Themen muss man eingehen. So war Augsburg im 16. Jahrhundert wichtiger als München. Daran erinnern wir dort mit altdeutscher Malerei. Damit ist das Katharinenkloster nach München weltweit der zweitwichtigste Ort für diese Epoche.

-Was wollen Sie Ihrem Nachfolger nahelegen?

Ich möchte weder einen Rat geben, noch einen Wunsch äußern. Ich hatte einen Vorgänger, Prinz von Hohenzollern, der mir mit einer Noblesse sondergleichen absolute Freiheit gelassen hat. Das will ich weitergeben.

-Aus Ihrer jahrzehntelangen Erfahrung: Wie wird die Zukunft der Museen ausschauen?

Sie müssen bei allem die zwei Seiten der Medaille betrachten. Wenn man nur eine beachtet, ist man einäugig, das heißt, zur Hälfte blind. Das Museum steht im Prozess des vitalen Lebens; dem darf man sich nicht verschließen, sonst gerät man ins Abseits. Wir müssen dem Museum Glanz geben, um die Besucher anzuziehen. Die zweite Seite ist: Wir haben den großartigen Auftrag zu bewahren - nicht nur auf die Vergangenheit gerichtet, all das muss in die Zukunft getragen werden. Das ist eine unendlich große Aufgabe. Ich habe mich ihr gestellt: Die drei Häuser brummen.

-Das Kunsthistorische Museum Wien hat nach und nach die Beschriftung seiner Bilder mit exzellenten kleinen Texten aufgewertet. Wird die Alte Pinakothek auch in diese Richtung gehen?

Das ist die große Streitfrage. Den Königsweg gibt es nicht. Wir haben uns aus Gründen der Ästhetik entschlossen, die Bilder allein wirken zu lassen. Heutzutage gibt es ja auch neue audiophone Systeme, die auf die individuellen Bedürfnisse des Besuchers zugeschnitten werden können - vom jungen Menschen bis zum Chinesen. Das kostet allerdings. Sicher ist: Es gibt die unbedingte Notwendigkeit zu informieren.

-Die Chef-Stelle des Brandhorst-Museums (Eröffnung im Mai) ist nicht aus den Staatsgemäldesammlungen besetzt worden. Besteht die Gefahr, dass es von der PDM wegdriftet? Hat dann der Staat zu viel Geld ausgegeben?

Die Situation muss genau beobachtet werden. Die Grundlage ist: Der Freistaat kommt für den Bau, Betriebskosten, Personal auf. Das Museum ist direkt der Pinakothek der Moderne zugeordnet. Allerdings gibt es die Stiftung Brandhorst und den Stiftungsdirektor Armin Zweite. Man wird sehen, wie es gelingt, zusammen den Karren zu ziehen. Das hängt mit den handelnden Personen zusammen. Mit der bisherigen Erfahrung von großer Offenheit und guter Absprache bin ich optimistisch. Wirklich wissen wird man es ein, zwei Jahre nach der Eröffnung.

Simone Dattenberger

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