„Um sie ist eine große Traurigkeit“: Elaine Ortiz-Arandes als Emilia Marty in der Inszenierung von Gärtnerplatz-Intendant Ulrich Peters. foto: rabanus

Drei Jahrhunderte Flucht

München - Gärtnerplatz-Theater: Elaine Ortiz-Arandes singt die Titelheldin in Janáceks „Die Sache Makropulos“.

„Na, wie fühlt man sich denn mit 330 Jahren?“ Elaine Ortiz-Arandes lacht und berichtigt: „337!“ Denn das ist das genaue Alter der Emilia Marty, das die Dramaturgie aus den Jahresangaben von Komponist Leos Janá(c)ek und Vorlagedichter Karel Capek herausgefiltert hat. Emilia Marty ist ihre Heldin und die zentrale Figur in der Oper „Die Sache Makropulos“. Sie hat morgen im Münchner Gärtnerplatztheater Premiere. Am Pult steht David Stahl, Regie führt Ulrich Peters, dessen Intendantenvertrag gerade über das Jahr 2012 hinaus nicht verlängert wurde (wir berichteten).

„Wir haben schon beim Konzeptionsgespräch geschaut, dass mathematisch alles richtig ist“, schmunzelt Elaine Ortiz-Arandes, die schon seit 1988 im Gärtnerplatz-Ensemble ist und dieses Werk gar nicht kannte, als Peters ihr die Hauptrolle anbot. „Es ist meine erste Begegnung mit Janá(c)ek“, gesteht die Sopranistin, „und ich bin anfangs über manche Schwierigkeiten wirklich gestolpert. Die Noten hatte ich schnell drauf, aber die ständigen Taktwechsel!“ Elaine Ortiz-Arandes seufzt, aber zugleich strahlt sie auch und singt eine kleine Kostprobe. „Ich finde die Musik, jetzt da ich sie kenne, unheimlich schön.“ Besonders der Schlussmonolog. „Die Musik klingt in diesem Moment so einsam. Emilia hat eine Vision, sie sieht den Tod, und sie begreift, dass er zum Leben gehört, dass alles seinen Zyklus hat. Ich hoffe, dass ich das zeigen kann.“

Dass sie, um die 337 Jahre der Emilia Marty in den Griff zu bekommen, fleißig recherchiert und gelesen hat, ist für die aus Puerto Rico stammende Sängerin eine Selbstverständlichkeit. Sie hat sich intensiv mit der Herrschaftszeit Rudolfs II. und der Habsburgerdynastie beschäftigt. Hat über des Regenten Hang zur Alchemie gestaunt, von seiner Kränklichkeit und Melancholie erfahren und machte sich so einen Reim darauf, warum er sich einen Arzt aus Griechenland nach Prag holte: Dr. Makropulos. Der brachte seine kleine Tochter Elina mit, die 1585 in Kreta geboren wurde und der der Vater 1601 in Prag das Lebenselixier verabreichte. „Ich versuchte, mir das kleine Mädchen vorzustellen, in der Pracht am Prager Hof Rudolfs, von dem Emilia im Stück einmal sagt ‚das war ein wilder Kerl‘.“

Die Dame habe viele Schatten, viele Dämonen, formuliert es die Sängerin. „Wir haben das schon in einem Leben, und was hat sich da erst bei ihr alles angesammelt! Sie hat sicher viele Kinder und wohl auch viele Geliebte sterben sehen. Um sie ist eine große Traurigkeit.“ Dennoch ahnt Elaine Ortiz-Arandes, dass diese Frau im Innersten Griechin geblieben ist, dass sie ihre „Grundpersönlichkeit“ bewahrt hat. So versteht sie auch den Schluss, wenn die sterbende Emilia Marty immer wieder „Pater hermon“ (Vater unser) auf griechisch flüstert.

Da Emilia Marty in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts lebt, darf die Sängerin in wunderschöne Roben schlüpfen: Brokat, Pailletten, Chiffon und auch ein kesses Hütchen tragen. Als Darstellerin hat sie sich von Gemälden inspirieren lassen und von alten Filmen und ahmt spontan den lasziven Gang der damaligen Diven mit leicht vorgeschobenem Becken („Endlich ohne Korsett!“) nach.

Elaine Ortiz-Arandes erzählt von den vielen Fluchten ihrer „unsterblichen“ Bühnenfigur nach Russland, Schottland, Deutschland oder Spanien, von ihren Leben, in denen sie Ekaterina Myschkina, die Sängerin Ellian MacGregor, Elsa Müller, die Zigeunerin Eugenia Montez und zuletzt Emilia Marty war. Die Initialen blieben dabei immer gleich und passen zu denen der Sängerin: Elaine Marie. Wenn das kein Gutes Omen ist…

Gabriele Luster

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