Drei-Stunden-Absteige statt Vier-Sterne-Hotel

- "Ich hab mein Ding gemacht. Andere Dinger. Größere Dinger." Das stimmt. Und wir haben sie nicht vergessen - die ganzen tollen Rollen von ihm. Aber auch in dieser kleinen Nummer jetzt im Theater im Münchner Haus der Kunst, als Berufsgangster kurz vorm Rentenalter, ist er der große Lichtblick. Eine pintereske Klasse für sich.

Wenn Claus Eberth - das graue Haar aus dem verwitterten Gesicht nach hinten gesträhnt - in Altrocker-Kluft auf der Bühne erscheint, als habe man ihm gerade die Harley Davidson unterm Hintern weggeschossen, wenn er mit stierem Stahlblau-Blick ängstlich, lauernd und ein bisschen blöd das schäbige Motelzimmer abgrast und selbstmitleidig mit seinen geklauten Cowboystiefeln den besoffenen Wirt der Absteige löhnen muss, dann . . .

Ja dann hat die Aufführung etwas von jenem grotesken Wahnsinn und verrückten Charme, den sie ganz und gar gebraucht hätte. Denn dann hätte aus dem szenisch ineinander verschachtelten Gossen-Gebräu "Suburban Motel" des Kanadiers George F. Walker (58) vielleicht noch eine absurde Komödie werden können.

Doch diese, nach den "Bakchen" und den "Geschichten aus dem Wiener Wald" dritte Premiere des Bayerischen Staatsschauspiels in der soeben eröffneten Saison ist, als sei man auch künstlerisch vom Fünf-Sterne-Hotel in eine Drei-Stunden-Absteige geraten. Wahrscheinlich hat die Dramaturgie ein Stück gesucht, in dem all jene Schauspieler ein Unterkommen finden, die bei den vorangegangenen Dorn- und Frey-Inszenierungen kein Quartier machen konnten. Nun müssen sie sich hier als Donny, Lorrie, Rollie, Stevie, Phillie, Shirley oder wie ihre Rollen sonst noch alle heißen in peinlicher Weise selbst zur Sau machen.

Inszeniert hat Jochen Schölch. Für ihn ist es die erste Inszenierung am Staatsschauspiel. Schölch, der an seinem Freimanner Metropol-Theater immer wieder neu das Publikum verzaubern kann, der aus dem Nichts seines armen Theaters fantastische Funken zu schlagen versteht, hat hier jeden Witz und alle Leichtigkeit verloren. Viel zu schwer also wirkt das perfekt, aufwändig und trickreich gebaute Bühnenzimmer, wo die Figuren spurlos verschwinden und andere wie von Geisterhand geführt auftreten können. Viel zu schwer die (Staats-)Schauspieler, die sich sozusagen wund spielen und permanent vorführen, was sie so drauf haben. Sie sind alle an Jochen Schölch, diesem gewieften Meister der freien Szene und Regisseur des schon Legende gewordenen "Ballhaus", gescheitert. Und er an ihnen.

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