Zu dritt gegen den Rassenwahn

München - Mit "Harry Potter and the Deathly Hallows", dem siebten "Potter", schließt die britische Autorin J. K. Rowling ihre Reihe über den Zauberlehrling ab. Bange Frage der Fans: Stirbt Harry oder darf er zum Mann reifen?

"All was well." Der letzte Satz von "Harry Potter and the Deathly Hallows" (etwa: Geschenke vom Tod) ist ja bereits vielfach kolportiert worden und darf hier ruhig verraten werden. Und ­ auch dies sei gleich vorhergesagt: Die Vorschusslorbeeren (Startauflage allein auf dem US-amerikanischen Markt zwölf Millionen Exemplare) sind diesmal berechtigt. Das Buch ist gut. Im Grunde das Beste seit dem "Gefangenen von Azkaban".

Die etwas mehr als 600 Seiten lesen sich wie im Flug, was wohl auch daran liegt, dass sie fast zu mehr als drei Vierteln aus Dialogen bestehen. Also weniger Dementoren-Angriffe, weniger Zaubererduelle, weniger dramatische Aktionen: Dafür werden Pläne im Gespräch geschmiedet und Kämpfe mit Worten ausgetragen.

Harrys Weg war schon im "Halbblutprinz" vorgezeichnet. Vor seinem Endkampf mit Lord Voldemort sollte er zuerst die Objekte, sogenannte Horcruxe, zerstören, in denen der böse Lord Teile seiner Seele abgelegt hatte, um sich unsterblich zu machen. Ursprünglich waren es sieben. Doch die ersten beiden ­ Tagebuch und Ring ­ sind bereits vernichtet.

Vom dritten Horcrux ­ dem Medaillon ­ besitzt Harry am Beginn des siebten Bandes nur ein Imitat. Er muss also zunächst den Weg des echten Schmuckstücks zurückverfolgen, um es aufzuspüren und zu beseitigen.

Bei dieser Jagd wird er von seinen Freunden Ron und Hermine unterstützt. Alle drei gehen nicht ins Zaubererinternat Hogwarts zurück. Das entlastet den Text von den schon ausgelutschten Themen Schule, Unterricht und Quiddich. Stattdessen campiert das Kleeblatt in einem unsichtbaren Zelt. Der verengte Raum konzentriert die Handlung auf die Psychologie.

Das Trio muss aus dem Untergrund operieren, weil Voldemorts Anhänger die Macht im Zauberei-Ministerium übernommen haben. Sie bauen einen totalitären Staat auf und setzen auf Rassenwahn. "Wertvoll" sind nur die "reinblütigen" Zauberer. "Halbblüter" oder gar "Schlammblüter" (zaubernde "Muggel" = Menschen) werden verhaftet, verhört und abgeurteilt.

Rowling beschreibt ein Klima der Angst aus der Sicht der drei Helden. Nur wenige der ehemaligen Helfer bekennen sich offen zu Harry. Und auch wer das früher getan hat, kann mit Sippenhaft leicht zur Denunziation gebracht werden.

Bei der Schilderung dieses rassenideologisch begründeten Zaubererstaates aus Opferperspektive ist Rowling ein Meisterstück gelungen: In einer Szene des Buches verwandeln sich Harry, Ron und Hermine mithilfe des "Vielsafttranks" in Ministeriumsangestellte. So können sie den Umgang der echten Angestellten untereinander hautnah miterleben. Wenige von ihnen fühlen sich selbst sicher, und sogar Dolores Umbridge, Dumbledores gefürchtete ehemalige Vertreterin in Hogwarts, hat sich durch ein gestohlenes Medaillon gleich einen neuen Stammbaum zugelegt.

Die Erzählung folgt fast nur noch Harrys Bewegungen. Voldemorts Aktivitäten werden über Harrys Visionen und Angstträume eingeblendet, die Erlebnisse der anderen Figuren über Begegnungen und belauschte Gesprächsfetzen eingestreut. Die übrigen Figuren kommen nur noch wenig zum Zug. In den ersten Kapiteln werden Harrys Freunde und Voldemorts Anhänger kurz eingeführt und natürlich am Ende bei der großen Schlacht um Hogwarts reaktiviert.

Die Handlung funktioniert wie ein Computerspiel. Schritt für Schritt müssen Rätsel gelöst werden, und dafür braucht man bestimmte Requisiten. Wer etwas gefunden hat, kann dieses bei anderen Figuren gegen etwas Wertvolleres eintauschen. Informationen darüber, was und wo man suchen soll und wie man mit dem Gefundenen umgeht, sind immer mit gefährlichen Orten verbunden und müssen mit Gefahr für Leib und Leben erkauft werden.

Über das Requisit von Dumbledores Denkarium kann auch die vergangene Zeit sichtbar gemacht werden und so kommt schließlich auch die Wahrheit ans Licht und alle Rätsel lösen sich auf.

J. K. Rowling:

"Harry Potter and the Deathly Hollows". Bloomsbury, London, 607 Seiten;

18,90 Euro.

Deutsche Ausgabe beim Carlsen Verlag: ab 27. Oktober.

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