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Am Wiener Burgtheater ist Joachim Meyerhoff (48) der Star, hier als Kreon in der „Antigone“ von Sophokles.

Neuerscheinung

Aus dem bizarren Leben eines Burgtheater-Stars

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Wien - Schauspieler Joachim Meyerhoff glückt ein weiterer tränentreibender, autobiografischer Roman, dieses Mal mit viel München-Bezug

Welche Leber hält das schon aus? Champagner zum Frühstück, Weißwein zum Mittagessen, Whisky (sehr wichtig!) auf den Glockenschlag 18 Uhr, später noch Rotwein zum Dinner. Und irgendwann die schauerlich-schöne Entdeckung: Opa und Oma gurgeln morgens nicht mit Odol, sondern mit Hochprozentigem. Ein Leben als Dauerschwipserl, das Hirn ständig wattiert – so erlebt Joachim den Sprung ins schauspielernde Berufsleben: als jahrelanger Gast seiner Großeltern in einer Nymphenburger Villa.

Es ist schon das dritte Buch, das Joachim Meyerhoff, Star des Wiener Burgheaters, vorgelegt hat. Ein tränentreibendes Schelmenroman-Projekt, bei dem Autobiografisches mit einer guten Portion Fiktion garniert ist – nach „Amerika“ über das Austauschjahr in den USA und dem Bestseller „Wann wird es endlich wieder so, wie es niemals war“, der sich um Meyerhoffs Kindheit dreht und die Erlebnisse in der psychiatrischen Anstalt, die sein Vater leitete. Mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ steuert das unangepasste, schluffig-liebevolle Alter Ego nun auf den Traumberuf zu: mit einer Ausbildung an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule.

Der junge Mann wird genommen, obwohl vieles dagegen spricht. Für die Aufnahmeprüfung hat er nur einen Monolog, nämlich den aus Büchners „Danton“ vorbereitet, überhaupt gibt es da ein grundsätzliches Hindernis – Bühnenangst, eine merkwürdige Scham. Und das, obwohl dank der Großmutter heißes Schauspielblut in seinen Adern fließt. Meyerhoffs reale Großmutter war Inge Birkmann (1915–2004), lange Zeit im Ensemble der Münchner Kammerspiele. Der dominanten Oma, die auch im täglichen Leben den hohen Ton der Bühnenkunst pflegt, setzt der Enkel ein Denkmal, das vor allem für eines sorgt: Der Leser verliebt sich sofort in sie – und auch in ihren Mann, der im Buch nur als Hermann auftaucht und in Wahrheit der Philosoph Hermann Krings (1913–2004) ist.

Gerade die Münchner Theatergänger bekommen reichlich Interna und Lach-Stoff geboten. Meyerhoff berichtet von den Bizarrerien älterer Kolleginnen (unschwer lässt sich Sunnyi Melles erkennen) oder von Zwerchfell-belastenden Wiederaufnahmeproben der legendären „Faust“-Inszenierung: In Dieter Dorns Produktion durften die Falckenbergler die stummen Rollen beim „Osterspaziergang“ übernehmen oder, was Pein bereitete, die Nackedeis in der Walpurgisnacht. Was einen eben so weiterbringt: Als Schauspielschüler musste er einen Text aus „Effi Briest“ als Nilpferd sprechen, erfährt, dass man mit den Brustwarzen lächeln soll, und irgendwann wird klar: Von der psychiatrischen Anstalt des Papas unterscheidet sich das Kammerspiele-System nur graduell. Meyerhoffs dritter Buch-Clou erschöpft sich aber nicht im Anekdotischen. Man erfährt auch, wie schwer er sich tut mit dem beruflichen Feilbieten des eigenen Körpers, mit dem Zulassen einer für alle sichtbaren Innenschau. Grundsätzliches zum Beruf des Schauspielers wird verhandelt, zur Situation an den Theatern und in der Ausbildung, die manche Eleven fast automatisch ins Scheitern treiben.

Man registriert allerdings auch, wie der junge Joachim immer wieder von einem lebensbestimmenden Trauma heimgesucht wird, vom frühen Eindringen des Tods in die Familie: Der Bruder stirbt bei einem Unfall, der Vater verliert den Kampf gegen den Krebs. Und irgendwann erlischt langsam das Lebenslicht der Großeltern. Nicht nur auf der Bühne, das ist das Verblüffende an Meyerhoff, auch als Autor ist er ein Meister des Lachens und des Weinens. Und wenn man das Buch zuklappt, hat der Leser schließlich den Normalzustand der Oma erreicht. Nur dass er dafür keine ihrer Glückspillen braucht.

Joachim Meyerhoff:

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 352 Seiten; 21,99 Euro.

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