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„Alberich“ Wolfgang Koch spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Werdegang, Irrtümer und Heimatgefühle.

Dieses Zwielichtige ist spannend

München - Dritter Teil des „Rings“ im Nationaltheater: „Alberich“ Wolfgang Koch spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Werdegang, Irrtümer und Heimatgefühle.

Sechs Wochen Probenzeit – und dann schlägt die Krankheit unbarmherzig zu. Wolfgang Koch ist dieser GAU passiert. Anfang Februar musste der Bariton an der Bayerischen Staatsoper die Premiere von Wagners „Rheingold“ absagen und konnte erst zur Zweitvorstellung einsteigen. An diesem Sonntag ist der 46-jährige Niederbayer erneut als Alberich im Münchner „Ring“ zu erleben: in der Premiere des „Siegfried“. Kent Nagano dirigiert, Andreas Kriegenburg führte Regie.

Ist Ihnen eine solche Absage schon mal passiert?

Eine Premiere habe ich noch nie abgesagt. Ein Albtraum. Ich hatte diese Bronchitis schon länger mit mir rumgeschleppt. Es wurde besser, aber während der „Rheingold“-Generalprobe ging’s richtig bergab. Der Arzt sagte dann: „Es geht nicht.“ Da rief ich meine Frau an: „Hol’ mich bitte ab und bring’ mich nach Hause nach Wien.“

Sind Sie jemand, der im Zweifelsfall lieber einmal zu viel auf die Bühne geht?

Wenn man bei so großen Premieren nicht fit ist, schießt man sich ins Knie. Gut, da hab’ ich leicht reden. Ich musste noch nicht oft absagen... Umso mehr freue ich mich auf den „Ring“-Zyklus im Juli. Ich habe mit dem „Rheingold“ noch eine Rechnung offen.

Wie sah Ihr erstes „Ring“-Erlebnis aus?

Meine erste „Ring“-Rolle war der Donner. Viel früher, mit 15 oder 16, habe ich daheim die Karajan-Aufnahme rauf- und runtergehört. Der „Siegfried“ war für mich damals mit dem Tod Mimes zu Ende, dann hat mich die ganze Sache nicht mehr interessiert.

Warum denn das?

Die Begegnung Siegfrieds mit Brünnhilde, dieses brünstige Duett, all das war mir in dem Alter viel zu langatmig.

Sie singen viele zwielichtige Figuren wie Alberich oder Pizarro. Ist man neidisch auf die Interpreten der Lichtgestalten?

Eigentlich nicht. Den Sachs habe ich ja schon im Repertoire. Und ich plane, vom Alberich zum Wotan zu wechseln. Andererseits ist dieses Zwielichtige gerade spannend, weil diese Figuren so vielfältig sind in ihrer Abgründigkeit. Davon nehme ich jetzt mal Pizarro und Scarpia aus. Die sind nur schwarz.

Wie schwer ist es, als Deutscher an eine Rolle wie Puccinis „Tosca“-Scarpia heranzukommen?

Manche Besetzungsbüros denken nicht gerade länderübergreifend. Natürlich wird man als Deutscher sofort für Wagner- und Strauss-Rollen gefragt. Das Problem ist allerdings auch, dass die meisten Häuser zunächst das große deutsche Repertoire planen. Der Kalender füllt sich immer mehr, später kommen dann die Angebote für Italienisches. Und plötzlich ist es dafür zu eng geworden…

Gibt es einen so großen Unterschied zwischen „deutschem“ und „italienischem“ Gesangsstil?

Diesen Unterschied sollte es eigentlich gar nicht geben. Ich hatte das Glück, einen italienischen Lehrer wie Gianni Raimondi zu haben. Oder Josef Metternich, der als Deutscher mit Verdi große Erfolge feierte. Man muss Wagner eben auf italienische Art und Weise singen. Dann wird die Sache am gesündesten.

Sie wollten nie etwas anderes tun als singen. Wussten Sie schon als Schüler, dass Sie auf der Opernbühne landen?

Es kam nie etwas anderes infrage. Ich habe zwar als Jugendlicher auch andere Musik gehört. Aber ich hatte schon damals eine große Stimme und kam letztlich über sie zur klassischen Musik. Im Grunde habe ich angefangen zu studieren, um einmal den Sachs zu singen.

Was hatten Sie früher für eine Stimme? Ein Rohdiamant-Brocken, der erst behauen werden musste?

Die Stimme war relativ groß für mein Alter. Schon als ich etwa 15 war, saß sie sehr gut, klang schön, hatte Resonanz, aber keinen großen Umfang. Ich dachte: Ich habe keine Höhe, also bin ich Bass. Und diese Bass-Stimme wollte ich pflegen: ein bisschen rauchen, ein bisschen trinken. (Lacht.) Es wurde aber irgendwie nix. Also musste ich mir vernünftige Lehrer suchen.

Es fällt auf, dass Sie sehr leise sprechen...

Das war immer schon so. Ich hatte nie (spricht im Opernton) diese resonante Sprechstimme wie viele Kollegen. Und ich wollte sie auch nicht haben. Aber eigentlich habe ich das nie hinterfragt...

Wie ist das, wenn das eigene Leben für die nächsten vier, fünf Jahre vorherbestimmt ist?

Das habe ich mir ja immer gewünscht. Die kleineren Häuser sind durch den immer größeren Finanzdruck gar nicht mehr dazu in der Lage, länger im Vorhinein zu planen. Als 30-, 35-Jähriger dachte ich immer: Kriege ich die nächste Spielzeit voll? Ist die Existenz gesichert? Insofern ist ein voller Kalender beruhigend.

Als Sie 1996 das Stuttgarter Ensemble verließen, gab es eine Karrieredelle.

Ich war damals 29, und ich wollte eigentlich immer frei sein. Eine Ensemblefamilie war mir zu eng. Und ich sagte mir damals: Dir steht eine große Karriere bevor. Was vom damaligen Standpunkt her völliger Unsinn war, weil ich kein großes Repertoire vorzuweisen hatte – und keine Kontakte. Ich hatte mich damals mit meiner Agentur verkracht und fiel in tiefste Depressionen. Das dauerte zwei Jahre. Ich bin nicht mehr ans Telefon gegangen und habe auch niemanden angerufen. Nur sehr mühevoll kam ich aus diesem Tal wieder heraus. Aus diesem Grund möchte ich heute nicht mehr 30 sein. Aber solche Brüche sind eben das notwendige Lehrgeld.

Wie haben eigentlich die Eltern auf Ihren Berufswunsch reagiert? Mit dem klassischen Satz „Bub, du bist verrückt“?

Genau! Ich stamme ja aus keiner Musikerfamilie, mein Vater ist Statiker. Und dann bin ich in einem Landstrich aufgewachsen, in dem weniger die sogenannte Hochkultur gepflegt wird. Die Skepsis meiner Eltern war relativ bald verschwunden. Sie sind sogar zu Wagnerianern geworden.

Sie leben jetzt in Wien. Was bedeutet für Sie als Niederbayer Heimat?

Wenn ich meine Eltern besuche, komme ich ab und zu in mein Dorf zurück. Haiming bei Burghausen, das kennt so gut wie keiner. Das ist ein Stück Heimat, keine Frage. Aber als 18-Jähriger dachte ich immer: Ich muss hier raus. Es kann gut sein, dass ich ganz zurückkehre, wenn ich nicht mehr arbeite. Noch will ich aber viele Orte und Leute kennenlernen – auch wenn dieses Reiseleben seine bekannten Schattenseiten hat. Man muss auf die Bremse treten, sich Ruhephasen gönnen, sonst brennt man aus. Nicht nur die Bühne, die ganze Branche ist ja eine Art Scheinwelt.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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