Dröhnendes Geläut und Glasperlenspiel

- Der Weg zu Chopin, dem Höhepunkt des Abends, führte über Schönberg und Schumann und bot Maurizio Pollini die Chance zu zeigen, wie die Romantiker auch auf dem Klaviersektor den Zwölftönern der Zweiten Wiener Schule den Weg gewiesen haben.

<P>Pollini riskierte im total ausverkauften Münchner Herkulessaal mit Arnold Schönbergs Drei Klavierstücken op.11 einen hoch konzentrierten Einstieg - trocken und voller strenger Klarheit. Wie er in diesen zwischen extremen Kontrasten schwankenden Stücken zarte Melancholie, Grellheit oder Licht und Schatten entstehen ließ, wie er wilde Akkordkaskaden mit gläserner Besänftigung beantwortete und die Spannung hielt, das faszinierte auf Anhieb. <BR><BR>In Robert Schumanns komplexer C-Dur-Fantasie op. 17 wucherte Pollini mit geradezu orchestraler Klangvorstellung, ohne darüber den melodiösen, kantablen Aspekt zu vernachlässigen. Dabei charakterisierte er die verschiedenen Abschnitte genau, setzte Lichttupfer im Diskant oder dröhnendes Geläut im Bass und erlöste heftige Bewegung im Spielerischen, bevor er sie wieder herrisch aufgriff.<BR><BR>Als eigentlich höchst private, impressionistisch hin getupfte Miniaturen spielte er Schönbergs sechs Kleine Klavierstücke op. 19, die eine wunderbare Überleitung zu Frédéric Chopins 24 Préludes op. 28 bildeten. In diesen alle Dur- samt parallelen moll-Tonarten durchwandernden Momentaufnahmen, den lebendigen Gegensatzpaaren, entfaltete Pollini, Chopins Extrakt gemäß, eine ganze Welt. Wunderbar, wenn etwa das helle G-Dur-Plätschern quasi in ein ständig wiederholtes, ausdrucksstarkes e-moll-Weh mündete; wenn die Erdenschwere des E-Dur-Largo von perlenden Diskant-Läufen im cis-moll-Allegro aufgelöst wurde; wenn auf das licht-düstere Des-Dur-Sostenuto die ins Irre getriebenen Läufe des b-moll-Presto folgten. <BR><BR>Technik ist in Pollinis Spiel keine wahrnehmbare Größe mehr, sie wird stets umgemünzt in musikalischen Ausdruck: Kraft verwandelt sich in gemeißelte Struktur, in Aggression, Geläufigkeit in filigranes Glasperlenspiel, und Triller dienen nicht der Verzierungen, sondern dem Nachdruck.<BR><BR>Kein Wunder, dass die Münchner Klavierfans zwei Stunden gebannt lauschten und Pollini zuletzt mit Jubel überschütteten.</P><P> </P>

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