Druck, Macht, Harmonie

- Sparopfer oder Fehlkalkulation? Das Bayerische Staatsballett in der Krise? Warum muss Ballettdirektor Ivan Liska die Eröffnungspremiere der kommenden Saison, warum muss er die Neuproduktion von "Dornröschen" in der Choreographie Anthony Dowles' streichen? Wird nun stattdessen die Uralt-Version von Peter Wright noch einmal aufgemöbelt?

 Warum verlasen mit Saisonwechsel möglicherweise fünf von insgesamt neun Ersten Solisten und eine Solistin die Compagnie? Und warum erreicht uns jetzt ein mit "Bayern Ballett" unterzeichnetes Schreiben, in dem das ganze Unbehagen der Truppe öffentlich gemacht wird?

Wer auch immer der Verfasser sein mag: Hier, so der Eindruck, spricht kein Außenstehender. Moniert wird Folgendes: "Inzwischen ist klar geworden, dass die Glanzzeiten des Bayerischen Staatsballetts vorbei sind."

Ein Fazit, das einem Misstrauensvotum gegenüber dem Ballettchef gleichkäme, sollten die Brief-Verfasser die einverständliche Meinung der Tänzer ausdrücken. Schwere Vorwürfe werden da gegen Liska erhoben: keine neue eigene Produktion (nur der Kauf alter Choreographien von Kyliá´n und Neumeier); eine äußerst hohe Zahl von Verletzungen unter den Tänzern aufgrund einer "nicht effizienten Organisation von Training, Proben und Spielplan".

Die Solisten, die die Compagnie verlassen, sind: die gerade erst in dieser Spielzeit engagierten Stars Lucia Lacarra und Cyril Pierre sowie Oliver Wehe. Darüber hinaus haben Abwanderungsgedanken geäußert: Kusha Alexi, Maria Eichwald und Barbora Kohutkova. In dem Schreiben heißt es: "Die Tänzer sind übermüdet, demoralisiert und wütend. Aber alle schweigen. Jeder hat Angst um seinen Arbeitsplatz und um die Zukunft einer fragilen Kunst in Zeiten der Krise."

Und einer/ eine der prominenten Protagonisten/ Protagonistinnen bestätigt dies im persönlichen Gespräch: "Die Tänzer haben Angst, sich öffentlich zu ihrer Kritik zu bekennen, denn sie wissen nicht, was das für Konsequenzen für sie haben könnte. Aber mit Macht und Druck alleine lässt sich keine Compagnie führen; dazu gehören auch Psychologie und die Fähigkeit, Harmonie herzustellen. Das beinhaltet ebenso, dass man seine Ersten Solisten pflegen muss. Es ist ein Irrtum zu denken, alle müssen gleich sein. Ein großes Stück braucht große Solisten."

Innerhalb so dramatischer Entwicklung ist auch Kurioses zu entdecken: Aus Protest gegen eine in seinen Augen blasse Ballettwoche blieb nach der Neumeier-Eröffnungsvorstellung am 23. März der Corps de Ballet der Premierenfeier fern. Uns wird mitgeteilt: "Die Reaktion von Liska am Tag danach: Die Teilnahme an den Premierenfeiern ist von nun an Pflicht."

Der Direktor will nicht gefragt werden

So viele Fragen, keine Antworten. Nur ein allgemein gehaltenes Fax nach dem dritten Versuch, mit Ivan Liska zu sprechen und ihn um die Beantwortung eingangs gestellter Fragen zu bitten. So hätten wir zum Beispiel gerne von ihm gewusst, ob der Verzicht aufs neue "Dornröschen" im Dezember 2003 eine Folge eigener Budget-Knappheit ist oder Opfer der kostspieligen Opern-"Walküre", die binnen eines Jahres jetzt zum zweiten Mal inszeniert wird.

Konkret wurde er in seiner "Anmerkung zum anonymen,Bayern Ballett Artikel' " nur in Sachen Premierenfeier: Niemand werde "daran denken, den Besuch zur ,Pflicht' zu erklären".

Ballettchef Ivan Liska: "Ich lasse mir nicht eine Krise von einem anonymen Schreiberling herbeireden."Foto: Wilfried Hösl

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