Die Düfte des Kindheits-Glücks

- Glück - das ist die Kindheit. Jedenfalls für György Konrá´d, der so seinen kleinen und doch großen Roman betitelt. Glück ist für ihn das ungarische Dorf Berettyóújfalu, in dem er bestens behütet aufwuchs, ist das Elternhaus mit der Eisenwarenhandlung - sind vor allem die Düfte. Konrád beschreibt diese Welt als ein er-rochenes Universum.

<P> Man kann die Augen schließen, das Aroma von brennendem Eichenholz einatmen, Mamas Lavendel im Schrank, das des Topfenkuchens oder der Zwiebeln in der Küche, und man "sieht" dieses Haus vor sich, spürt den gemütlichen Tagesablauf, der allerhand Genüsse zu bieten hatte. Aber auch der Laden hat seinen Geruch: Eisen, Wagenschmiere, Bartwichse, Menschengeruch, Speck, schließlich soll keine Brotzeit versäumt werden. Für den kleinen jüdischen Buben aus gutbürgerlichem Haus vereinigt sich all das, inklusive Kindermädchen, Freunden und Verwandten, zu einer heilen Welt.</P><P>"Im Februar 1945 saßen wir in einem stehenden Viehwaggon . . . Weg von Budapest wollte ich, nach Hause, ich will kein Gast sein, deshalb diese einwöchige Reise nach Berettyóújfalu, von wo aus unsere Eltern verschleppt wurden und wir Kinder am letzten Tag vor der Deportation verschwunden sind." Konrá´d (70) erzählt in "Glück" vom Ende einer Kindheit, vom Ende seiner Kindheit. Er schildert zugleich, was einmal möglich war und was zerstört wurde. Diese Kindheit ist nicht einfach bloß eine vom Dasein im 19. Jahrhundert geprägte Land-Idylle, sondern dokumentiert die Möglichkeit eines menschlichen Auskommens. Sicher, der kleine Bursche hat die Probleme damals nicht gesehen, aber gefühlt hat er ein anständiges, vernünftiges Leben. Ohne Mord, Raub, Denunziation, Quälerei: "Seit meinem fünften Lebensjahr wusste ich, dass sie mich, sollte Hitler siegen, töten werden." Einige Menschen hatten in kürzester Zeit Vernunft und Anstand niedergewalzt. Kaum einer hatte das, was Konrá´d als "Glück" postuliert, verteidigt.</P><P>Eine Welt ist ausgelöscht</P><P>In dieser Situation erfährt der Bub, getrennt von seinen Eltern, ein anderes Glück. Er überlebt: "Ich war elf; meine Klassenkameraden hat Doktor Mengele allesamt in die Gaskammer geschickt." Klar, kalt und unsentimental berichtet der ungarische Autor von den grausamen "Abenteuern" des Kindes und seiner Freunde, die sich in der Anonymität der Großstadt Budapest bis Kriegsende durchschlagen. Der Tod und die Gemeinheit - insbesondere der "Pfeilkreuzler", der ungarischen Nazis" - sind allgegenwärtig, auch als die Russen die Stadt schon fast erreicht haben: "Die Donau, auf der Eisschollen stromabwärts trieben, mit alten Frauen und kleinen Mädchen voll zu schießen, war eine Kunst der Verzierung, deren Zauber nicht ewig anhielt." Der Autor spiegelt verzweifelt zynisch die Monstrosität der Mörder. </P><P>Die Düfte der Kindheit sind verflogen. Im ausgeplünderten Vaterhaus stinkt es nur noch nach Unrat und Kot. Die Heimat ist verloren. Eine Welt ist ausgelöscht. Für immer. Ein Wiedergutmachen kann es nicht geben: Im März 1945 soll das Kind einen Schulaufsatz über Heimatliebe schreiben, aber "mein Vaterland, so glaube ich, wollte mich töten".</P><P>György Konrád: "Glück". Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 156 Seiten, 19,90 Euro.</P>

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