Dünner Geschichtsbrei

- Gerhard Polt fehlt in der Parade, wenigstens der. Allzu wahllos stieren die anderen Köpfe in der Bayerischen Staatskanzlei umher. Unter einem melancholisch blickenden Lion Feuchtwanger klatscht Dirk Nowitzki; die für Keramikkitsch berühmte Berta Hummel reiht sich über dem streitsüchtigen Rainer Werner Fassbinder ein; "Bully" Herbig passt problemlos neben Frank Wedekind. Alle Unterschiede verschwimmen, in der Mini-Walhalla ist Kurt Eisner ein Abziehbild von gleichem Format wie König Ludwig oder Uschi Disl.

Staatsregierung, Haus der Bayerischen Geschichte und Staatliche Archive wollen in ihrer Schau "Vom neuen zum modernen Bayern" unter anderem die Person als Kraft in der Geschichte rehabilitieren. Weil Bayern vor 200 Jahren Königreich wurde, pappen also 200 Persönlichkeiten auf L-förmigen Stellwänden, flimmern Ministerpräsidenten und Widerstandskämpfer neben einer Montgelas-Büste. Die Besucher können biografische Grobdaten abrufen ­ ohne Einordnendes oder gar Widersprüchliches zu erfahren.

Genauso fragwürdig und auf beliebige Weise staatstragend ist die gesamte Ausstellung geraten. Verkürzte und oberflächliche Informationen allenthalben. Wirtschaftsgeschichte zum Beispiel: Auf einem Monitor lässt sich der Cursor über einen Zeitstrahl ziehen, und aus einem roten Strich Anno 1835 entspinnt sich ein immer dichteres Eisenbahnnetz. Verräterisch der Duktus des Textes dazu: Nach 1800 "wurden Wirtschaft und Landwirtschaft grundlegend umgestaltet" ­ es folgt eine Liste staatlicher Erlasse. Keine Spur von Dynamik aus der Gesellschaft, von kreativen Unternehmern, von fleißigen Menschen, von Konflikten und Verwerfungen. Eine Erfolgsstory, von oben verfügt. Derweil bekommen Schüler zu hören, dass die Französische Revolution 1789 "stattfand". Muss auch irgendwer angeordnet haben. Wäre das Geschichtsbild nicht von vorgestern, möchte man die Ausstellung am liebsten ins Sozialkundebuch für Unbeleckte packen.

Kultur handeln Bilder der Oberammergauer Passionspiele und das Foto einer Münchner Reimann-Inszenierung ("Bernarda Albas Haus") ab: Figuren in einem Raum voll weißer Stühle. Das Bühnengeschehen hat sich sichtlich verändert; über das spannende "Warum?" schweigt sich die Schau nicht nur hier beharrlich aus.

Weil es ihr außerdem an inszenatorischem Gespür fehlt, kommen weitere Peinlichkeiten hinzu. Ein Bericht des preußischen Arztes Rudolf Virchow über die Not im Spessart auf Fränkisch gelabert ­ noch harmlos. Aber auch der Holocaust musste irgendwie mit rein. Zeitzeugen berichten auf einem Bildschirm über ihr Schicksal ­ eingepfercht zwischen Geretsrieder "Ratschenbuben" und Filmen aus dem Wirtschaftswunderland. Irritierend unreflektiert das alles.

Bis 26. 11.;  0 18 01 / 20 10 10 

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