Dürftige Melange

- Einmal angenommen, man hätte sich einfach bei Fatma Genç¸ in ihren türkischen Gemächern getroffen. Hätte sich zwischen Kissen geräkelt, etwas Köfte gespeist, danach von Lokum genascht, dazu einen Cay geschlürft . . . Und Fatma Genç¸, unsere charmante Scheherazade, hätte dann die "300 Jahre alte Geschichte" von Belmonte und Konstanze erzählt. Ganz ohne Musik, ohne sich an Mozart mühenden Sängern, ohne kostümierte Arien-Momente als Regie-Ersatz, ohne Humorversuche, die an den Spaßgehalt von Betriebsfest-Sketchen erinnern.

<P>Ein hübscher Abend wäre das geworden, ein anderer jedenfalls als jener, den das Münchner Premierenpublikum mit lautstarker Ablehnung bedachte, dabei Arien ausbuhte, am Ende leider den Dirigenten Daniel Harding in Sippenhaft nahm. Dabei hatte Regisseur Martin Duncan in seiner Version von Mozarts "Entführung aus dem Serail" doch gar nicht als böser Bub provoziert - bis auf die Eunuchen im Pampers-Look und mit Kastrations-Blut zwischen den Beinen. Viel schlimmer: Duncan hat eine Inszenierung verweigert.</P><P>Seit jeher - und zuweilen berechtigt - müssen sich die Sprechtexte deutscher Opern von "Entführung" über "Fidelio" bis "Freischütz" die Häme der vereinigten Literaturliebhaber gefallen lassen. Und Versuche, die Texte umzuschreiben oder zu ersetzen, sind zahlreich. Duncan stellt sich in diese Tradition, indem er den Sängern keine Sprechsilbe gestattet, den Fortgang der Handlung samt allerlei überflüssigen Infos über türkische Bräuche einer schwarz gewandeten "Erzählerin", nämlich Fatma Genç¸ mit ihrer souveränen Ausstrahlung, anvertraut. Ihr zur Seite: eine offenbar gastarbeitende EDV-Expertin, die per Computerprojektionen und zur Verdeutlichung Palast-Grundrisse und leidlich geschmackvolle Hintergrund-Muster erzeugt - falls die Hardware, wie in der Premiere geschehen, nicht zeitweise den Dienst quittiert.</P><P>Und das spielt sich während der Musiknummern ab: Solisten, die meist auf hängenden, sich quer über die Bühne bewegenden Sofas ihre Arien und Ensembles absolvieren, dabei in Sachen Personenregie sich selbst überlassen sind und daher stereotype Gesten als Charakterzeichnung verkaufen müssen. Ein Ausstattungs-Gag (Ultz), dessen Wirkung rasch verpufft. Martin Duncan richtet sich's mit diesem "Konzept" recht gemütlich ein - statt Handlung zu erzählen, lässt er erzählen. Das Ergebnis seiner "Entführung": eine dürftige, substanzfreie Melange aus 1001er-Nacht-Anleihe, gespieltem Arien-Abend und bebilderter VHS-Vorlesung.</P><P>Schlimm auch, dass durch diesen Ansatz Bassa Selim (Bernd Schmidt darf nur als Pantomime auftauchen) ausgeblendet wird, jene Person also, die doch der Rivale Belmontes ist, die reifer, interessanter, erotischer sein müsste als Konstanzes "offizieller" Geliebter; jene Figur, deren Wirken die Zerrissenheit Konstanzes (wie in ihren drei Arien zu hören) überhaupt erst begründet. Mozart, der geniale Theaterpraktiker, entschied sich hier bewusst für die einzige Sprechrolle, gab ihr damit besonderes Gewicht, von dem bei Martin Duncan, der Struktur und dramatischen Verlauf des Stücks völlig verkennt, nichts zu spüren ist. Wenig zu ahnen auch von den Beziehungen zwischen den sechs Personen, die Mozart in meisterlicher Subtilität entwickelte, bei Duncan sich indes im Nebeneinanderhersingen erschöpfen - wenn Letzteres wenigstens versöhnt hätte . . .</P><P>Denn: Eine derart unter- bis fehlbesetzte Produktion hat sich die Bayerische Staatsoper lange nicht mehr geleistet, indem sie Verdi-, Händel- und Mussorgski-Experten zusammenspannte und zu Mozart verdonnerte. Was derzeit in der "Entführung" des Gärtnerplatztheaters gleich zweifach aus dem eigenen Ensemble gelingt, schafft man am Max-Joseph-Platz mit keinem der extra eingeflogenen Gäste. Der Einzige, der überzeugte und dem demonstrativer Jubel galt, ist im hiesigen Festengagement und war ausgerechnet "Pedrillo" Kevin Conners.</P><P>Roberto Saccà (Belmonte) verrutschte durch Überdruck-Singen die Intonation im Auftrittsstück, später versuchte er, mit unangemessen heldischem Auftrumpfen Stilunsicherheit zu kaschieren. Sandrine Piau (Konstanze) gelang zwar eine innige "Traurigkeits"-Arie, wartete aber sonst mit krampfig geführtem Sopran und lediglich angedeuteten Koloraturen und Spitzentönen auf. Deborah York lieferte eine artikulationslose, dünn und scharf timbrierte Blonde. Paata Burchuladze, eigentlich auf Boris oder Großinquisitor geeicht, überraschte anfangs durch gutes Timing und dezente Komik, sein etwas ungeschlachter Osmin bleibt indes ein Experiment.</P><P>Denkbar ungünstige Voraussetzungen also fürs Münchner Opern-Debüt von Daniel Harding. Ein Riesentalent, dem man die Vorbilder anmerkte und -sah: Der Engländer vereint die Spontaneität und den Furor Simon Rattles mit der analytischen Feinzeichnung Nikolaus Harnoncourts. Eine schlackenlose und ausgefeilte Interpretation, die sich für Details, atmende Phrasierungen und Klangschichtungen interessiert, all dies einbindet in ein nerviges, drängendes Brio. Beherzt lieferten Harding und das ihm willig folgende, wendig musizierende Staatsorchester Mozarts heftige Akzentuierungen samt "türkischem" Kolorit. Dass im Überschwang manches arg rasant geriet, sei verziehen - und war vielleicht besser so, da diverse Solistenleistungen angenehm verkürzt wurden. Harding, das lehrt diese "Entführung", hat also eine weitere Chance verdient. Andere nicht.</P><P><BR> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare