Dürrenmatts alte Multimillionärin

- Dürrenmatt? Auf den Bühnen in München so gut wie nicht vorhanden. Dabei hat der Mann glänzende Stücke geschrieben. Doch die junge Generation bekommt sie nicht zu sehen. Cordula Trantow, Schauspielerin, Regisseurin und überhaupt nimmermüde Theaterfrau, hat das Defizit erkannt: Bei ihrem Südbayerischen Theaterfestival in Bad Wörishofen hat morgen Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" Premiere. Regie führt Uwe Niesig. Trantow spielt die Titelrolle, die Multimillionärin Claire Zachanassian, die zurückkommt in ihren verarmten Heimatort Güllen, um ihm ihren einstigen Geliebten Ill als Leiche abzukaufen

Die Extravaganzen einer Hauptdarstellerin kann sich Cordula Trantow nicht leisten: "Ach ja, an unserem Basteltheater, wie ich es immer nenne, gibt es zu viel zu tun. Wir haben ja nicht die großen Möglichkeiten eines Stadt- oder Staatstheaters. Bei uns sind alle mit allem beschäftigt. Aber bislang schwebte immer der Theaterengel über uns; ich hoffe, er verlässt uns auch diesmal nicht."

Dass sie sich in diesem Jahr für dieses Stück entschieden hat, habe nichts mit der tollen Rolle der alten Dame zu tun. Trantow: "Aus dem Stadium der Schauspielerin bin ich entwicklungsgemäß schon lange raus. Seit 20 Jahren. Damals habe ich begonnen, mich für das Gesamte verantwortlich zu fühlen." Und sie bringt es auf die einfache Formel: "Ich bin keine Schauspielerin; ich arbeite als Schauspielerin." Und: "Der Besuch der alten Dame" ist für Trantow aktueller denn je: "Die Frage, von welcher Summe an ist Moral käuflich, geht uns alle an. Damit sind wir doch täglich konfrontiert. In dieser Beziehung war Dürrenmatt ein Visionär."

Altersmäßig fühlt sich die Schauspielerin durchaus identisch mit ihrer Rolle, "jedenfalls so, wie ich mich biologisch fühle". Sie wird diese Frau nicht nur als Rachefurie spielen, die den Mann zu ihren Füßen im Sarg sehen will. Trantow: "Das ist auch die Geschichte einer großen Liebe. Sie kauft sich den Mann, der sie unendlich erniedrigt hat als junge Frau. Sie will ihn ausgeliefert haben und im Sarg mitnehmen zu sich nach Sizilien. Das alles würde sie nicht tun, wenn es da nicht doch das große Gefühl gäbe. Für mich ist diese Szene nicht nur Racheakt, sondern auch Liebeserklärung." Die macht Cordula Trantow in dieser Inszenierung dem Schauspieler Ezard Haußmann, der den Ill spielt. Trantow: "Eine Idealbesetzung, weil er ihn zunächst als ewigen Filou gibt."

Es ist dies die dritte Saison des Südbayerischen Theaterfestivals, das mit rund 200 000 Euro vom Freistaat unterstützt wird. Sechs Vorstellungen spielt die Trantow-Truppe im Kurzentrum von Bad Wörishofen. Am 9.,10. und 11. sowie am 16., 17. und 18. September geht die "Alte Dame" nach Starnberg in die Schlossberghalle. Und im Oktober gibt's die zweite Produktion dieser Saison: "Andersens Welt", eine Märchenaufbereitung von Cordula Trantow anlässlich des Andersen-Jahres - mit Michael Schanze als Erzähler.

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