„Düsseldorfer Schule“: Photographien aus der Sammlung Schirmer

München - 1975 gründete Lothar Schirmer in München einen Verlag: Schirmer/Mosel. Bis heute erfolgreich feiert das Unternehmen alle Varianten der Fotografie.

Ein Herzstück ist das Werk von Hilla (1934 geboren) und Bernd Becher (1931-2007). 1977 erschien bei Schirmer/Mosel der erste Becher-Band, „Fachwerkhäuser des Siegener Industriegebietes“.

Nicht nur der Verleger ist mit den längst weltberühmten Bechers eng verbandelt und von ihnen in seinem Sehverhalten geprägt worden, sondern auch viele Fotografen. Da das Paar an der Düsseldorfer Hochschule lehrte, bildete sich eine Gruppe von Schülern heraus: die Düsseldorfer Schule. So heißt auch die Ausstellung in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (Residenz), die Fotografien von 1970 bis 2008 zusammenführt. Alle stammen aus der Sammlung Schirmer. Damit gibt es erstmals in München eine Schau zu dieser überaus einflussreichen Schule, die höchstgehandelte Künstler wie Candida Höfer, Andreas Gursky oder Thomas Struth hervorgebracht hat.

Ausstellung:

Bis 14. Februar 2010,

Di.-So.10-17 Uhr,

Katalog 18 Euro,

großer Bildband 68 Euro,

Tel. 089/29 00 770.

Letzterer erweist der Familie Schirmer – Mama plus drei Söhne – seine Reverenz mit einem großen Bild, und die Akademie schließt sich an: Es grüßt gleich im Foyer zusammen mit den Werken der Ur-Schule, eben von den Bechers selbst und Höfer, der ältesten „Schülerin“ (1944 geboren). Dann folgen die Jahrgänge 1951 bis 1967. Sahen sich Hilla und Bernd Becher in der Tradition der großen Dokumentaristen wie August Sander oder Walker Evans der Schwarz-Weiß-Aufnahme verpflichtet und tilgten außerdem konsequent den Menschen aus ihrer Welt der ausrangierten Industrie-Architektur, eroberten ihre Schüler die Farbe und alle denkbaren Bereiche: von Unspektakulärem wie schmutzige Treppenstufen samt Lappen (Laurenz Berges) bis zu Spektakulärem wie einem Vulkanausbruch (Jörg Sasse), vom Porträt eines Menschen (Ruff) oder eines Wirsing-Kopfs (Simone Nieweg) bis zu den hehren Hallen der Menschheitskunst wie Louvre (Höfer) oder Frari-Kirche (Struth).

Die Bechers gingen ihre Projekte generalstabsmäßig an, denn sie wollten große Serien schaffen. Nicht ein paar Fördertürme wurden abgelichtet, sondern möglichst alle vom Abbruch bedrohten. Die immer gleiche Distanz, der gleiche Blickwinkel gab den Serien erst die künstlerische Form. Die Schüler sind lockerer, suchender, experimenteller, auch humorvoller – wenn zum Beispiel Struth eine große Arbeit „Alte Pinakothek. Selbstportrait“ (2000) nennt. Man sieht aber zwei Herren. Ganz klar, der eine ist Albrecht Dürer. Wer kennt nicht sein berühmtes Selbstbildnis mit dem Jesusgestus? Aber da ist noch einer, nämlich der, der A.D. betrachtet. Zeigt sich Thomas Struth nun geheimnisvoll nur mit linkem Arm und halbem Rücken als Selbstporträt – oder macht er sich einen Scherz? Oder hatte er den Doppelsinn gar nicht gewollt? Die Düsseldorfer Schule war also eine gute Schule für Künstler – und für uns Betrachter. Wir haben ein neues Sehen trainiert und vieles entdeckt.

Simone Dattenberger

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