Ein düsteres Glossar

- Konzentrationslager und Kunst. Auschwitz und Ästhetik. Unüberwindbare Widersprüche sind das, die gegen jede Moral sprechen. Kann, darf man denn die NS-Verbrechen in einem Rahmen gestalten, der einen ansprechenden Zugang erlaubt? Was so ungeheuerlich scheint, funktioniert. Die beiden Münchner, Fotograf Kai Mewes und Autor Christoph Newiger, haben den passenden Ort und die passende Präsentation gefunden: In der Münchner Hochschule für Musik und Theater, dem ehemaligen "Führerbau" der "Hauptstadt der Bewegung", haben sie unter dem Titel "Überlebenshunger" in akkuraten Blechkästen die Auswirkungen des "Dritten Reichs" eingefangen.

Studenten stehen und lesen an der Brüstung im Obergeschoss, was auf Anhieb so sauber, harmlos, modern, hübsch aussieht. Um kurz darauf mit den erschütternden Zeugenaussagen von Kriegsverbrecher-Prozessen und fotografischen Relikten aus den KZ-Gedenkstätten konfrontiert zu werden. Es sind nicht die Leichenberge, die Bilder von Ausgemergelten und Ermordeten, die mit ihrer Schockwirkung bekannt sind oder abschrecken. Es sind Dokumentationsobjekte, die fast schattenlos inventarisiert werden. Ein Kruzifix aus einem Zahnbürstenkopf, Schüsseln, Schlag-Gerten, Knüppel, Armbänder mit Häftlingsnummern, eine polnische Gürtelschnalle mit der Inschrift "Wer den Menschen kennenlernt, lernt die Tiere lieben".Dokumente des Grauens

Spätesten bei den Kurztexten wird das Grauen persönlich. Von Todesspritzen, Schlägen und gezogenen Goldzähnen ist die Rede, von einem Kind, das vor den Augen der Mutter an die Wand geworfen wird. Ein 16-Jähriger hat seinen Namenszug und seine wenigen Jahre mit Blut in die Wand eingraviert. Es wird berichtet von voll gepferchten Transportwaggons, in denen die Menschen sterben. Von Häftlingen, die den Juden auf ihrem letzten Weg das Brot abluchsen wollen.Die kurzen Auszüge aus Zeugenaussagen des Auschwitz-Prozesses 1965 und der Buchenwaldreports von 1945 und 1995 scheinen teils so steril geschrieben, dass sie es genau deshalb ermöglichen, sich der persönlichen Tragik anzunähern. Die zwischen 1999 und 2001 aufgenommenen Objekte aus den Konzentrationslagern, versehen mit Bezeichnung und Inventar-Nummern, dokumentieren dazu ganz subversiv den Wahrheitsgehalt. Ein düsteres Glossar aus Dachau sowie leere Blechkästen für die vielen unbekannten Schicksale lassen an all die Gräueltaten denken, die bisher nicht wahrgenommen wurden oder werden wollten.

Bis 30.9.; Arcisstraße 12, Tel. 089/ 289 03. Gespräch über das NS-Dokumentationszentrum am 20.7. im Gasteig.

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