Düsteres Seelengemälde

- Jakob Michael Lenz, der Dichter und Theologe aus Goethes Dunstkreis, ist krank. Schizophrenie lautet die Diagnose. Georg Büchner, der Dichter und Arzt, bannte sie 1839 zwischen zwei Buchdeckel. 1979 setzte Wolfgang Rihm sie in Töne und transportierte den Patienten auf die Bühne: "Jacob Lenz" heißt seine Kammeroper, die am Freitagabend bei der Premiere im stilvoll renovierten, klassizistischen Neuhaussaal des Stadttheaters Regensburg heftig beklatscht wurde.

<P>Rihms Büchner-Adaption ist ein musikalisch beklemmendes, oft düsteres Seelengemälde mit winzigen, lichten Momenten, eine Zustandsbeschreibung ohne dramatische Entwicklung. Somit ein heikles Unterfangen für jeden Regisseur. Isabel Ostermann, die mit ihren erfolgreichen Inszenierungen von "Figaro" und "Otello" auf Gut Immling von sich reden machte, ging den "Lenz" beherzt an. </P><P>Ihre Grundidee greift spontan: Gemäß seiner Krankheit spaltet sie die Titel-Person in Lenz als Knaben, als Akteur und als Sänger, wobei die drei zu Beginn in einem schrägen, roten Rahmen beisammenhocken, dann quasi herausfallen und nie mehr eins werden. Fortan sucht der Zerrissene Geborgenheit beim philantropischen Pfarrer Oberlin, verwirrt als Prediger die Gläubigen, erinnert sich qualvoll an seine Liebe zu Charlotte Brion (der Goethe-Freundin) und versucht, von Stimmen gepeinigt, sich umzubringen.<BR><BR>All das und noch mehr setzt Isabel Ostermann in simultane Bilder und Aktionen um, plustert das Stück bunt auf, nimmt ihm die Strenge (die sich im ersten Bild mit dem roten Rahmen und der grauen Quadermauer so eindrucksvoll anbot - Bühne: Sascha Gratza) und begräbt es unter Einfällen und Probengags. Offenbar aus Furcht vor Stagnation und Leere trägt sie verwirrend dick auf, wo klärend angedeutet werden müsste. Da kämpft der (spielende) Lenz mit den Engeln (schwarz und weiß - Kostüme: Bianca Schmid-Hedwig), werfen diese ihre rot gefiederten Pfeile aufs Christus-Abbild. <BR><BR>Da setzt sich Lenz (Sänger) kleine Teufelshörnchen auf, wenn er Charlotte begegnet, die ebenfalls gesplittet als Kind, junges Mädchen, Schwangere nicht nur durch Lenzens Kopf, sondern mehrfach durch die Szene geistert. Die Stimmen (seines Innern) erheben sich immer wieder personifiziert aus dem Parkett, werden schließlich auf der Bühne zu Marionetten. Und Kaufmann, der Freund, muss seine Rolle restlos verzappeln. Schade, denn gerade in dieser zentralen Begegnung mit ihm formuliert Lenz sein (das heißt: Georg Büchners) ästhetisches Credo. <BR><BR>Jin-Ho Yoo gelang das höchst eindrucksvoll, wenngleich nicht immer textverständlich. Der junge Bariton steigerte sich in die expressive Verstörtheit und machte den Lenz zu einem Bruder Wozzecks. Blass und konturlos wirkte dagegen der Oberlin Michael Doumas', überdreht und verschenkt der Kaufmann Victor Schierings.<BR><BR>Dass sich gegen die optische Fülle Wolfgang Rihms Musik dennoch behauptete, war nicht zuletzt das Verdienst der jungen, temperamentvollen Dirigentin Maria Fitzgerald. Sie lotste die Instrumentalisten (Bläser, wenig Schlagzeug, Cembalo und drei Celli) sicher und kleine Wackler zur Bühne abfangend durchs polyrhythmische Geflecht, artikulierte die dramatischen Aufschreie und ließ die kurzen ariosen Sequenzen, die volksliedhaften, tänzerischen Anklänge aufkeimen. Rihms Musik bewies so ihre Suggestionskraft. Ihr hätte Isabel Ostermann einfach mehr vertrauen sollen. </P><P>Karten: Tel. 0941-507-2424; nächste Vorstellung: morgen.</P>

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