Düsternis der Seele

- Er war einer der größten Regisseure und vermutlich auch der tragischste im westdeutschen Nachkriegstheater: Rudolf Noelte, der am 20. März 1921 in Berlin geborene Künstler. Am Donnerstagabend ist er 81-jährig in einem Krankenhaus in Garmisch-Partenkirchen gestorben. Trauer an den Theatern, Trauer bei "seinen" Schauspielern; Trauer bei den Zuschauern, die Noeltes bedeutende Zeit miterlebt haben. Eine Erlösung aber wohl für ihn selbst. Denn seit Jahren litt er hochgradig an der Alzheimer-Krankheit. Körperlich und geistig erloschen. Ein Pflegefall.

<P></P><P>Wenn man jetzt aus gegebenem Anlass sein Leben und sein künstlerisches Wirken noch einmal reflektiert, erscheint dieser Tod letztlich nur als formale Vollzugsmeldung. Denn in seiner so berühmten wie gefürchteten Konsequenz hatte Noelte sich schon längst von dem Theater, das ihm die Welt war, verabschiedet. Und zwar nicht bloß gezwungenermaßen durch die Krankheit. Als Regisseur hatte er sich selbst überlebt. Der Mann, der mit seiner Kunst, Stücke zu lesen und den Figuren auf den tiefsten Grund ihrer Wahrheit zu gehen, eine ganze Epoche geprägt hat, dieser Mann war plötzlich nicht mehr gefragt in Berlin und München, Hamburg und Wien und bei den Salzburger Festspielen.<BR><BR>Für seinen psychologischen Realismus und die Seelen-Düsternis war kaum noch Platz in einem Theater, dessen neue Protagonisten zunehmend auf äußere Wirkung setzten und, vor allem, auf die politische. Rudolf Noelte, ein streng Konservativer, hatte ausgespielt bei den so genannten Linken vom 68er-Kultur-Establishment. Aber er hat sich auch nie hinbewegt zu den wirklichen Erneuerern. Der große Theatermacher inszenierte nun im kleinen Weilheim und verhalf damit seiner Ex-Frau Cordula Trantow 1988 zu einem überregional beachteten Start als Chefin des dortigen Theatersommers.<BR><BR>Rudolf Noeltes Domäne waren vor allem die bürgerlichen Realisten - keiner inszenierte Tschechow so wie er -, waren Sternheim, Wedekind und der Naturalist Gerhart Hauptmann. Mit seinen berühmten Licht- und Schattenarrangements leuchtete der Regisseur nicht nur die Bühne in seinem Stil aus, sondern adäquat dazu die Seelen der Rollen - und auch der Schauspieler. Diese innere Nacktheit mochten manche von ihnen vielleicht nicht zulassen; auch störten sich nicht wenige an der unwirschen, schwierig-eigenwilligen Art des Regisseurs, der seine Probenanmerkungen auf eng beschriebenen Zetteln den jeweiligen Darstellern zukommen ließ. Wer aber bei ihm spielte, es mit ihm "aushielt", gehörte seinerzeit zu den Besten der Bühne.<BR>In München inszenierte Rudolf Noelte an den Kammerspielen, der Bayerischen Staatsoper und dem Residenztheater, dessen Intendant er 1983 beinahe geworden wäre.</P>

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