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Kristof Van Boven macht diesen Woyzeck fühlbar.

Duett von Oper und Theater

München - Im Werkraum: Büchners „Woyzeck“ und Bergs „Wozzeck“.

Fürs Regietheater gibt es vielleicht keine idealere Vorlage als „Woyzeck“, das der 1837 mit jungen 24 Jahren gestorbene geniale Georg Büchner (1813-1837) als Fragment-Steinbruch hinterließ: Was der Fatalist und Revolutionär Büchner an Anliegen alles hineinpackte, gibt der Regie inhaltlich viel Freiraum. Die Szenenfolgen lassen sich umbauen oder streichen. Und mit der Sprache zwischen Darmstädter Dialekt und expressionistisch-lyrischem Ton lässt sich spielen.

Barbara Wysocka, Regisseurin in Breslau, Krakau und Warschau, die selbst auch Violine studierte, hat jetzt im Werkraum der Münchner Kammerspiele noch Alban Bergs Oper „Wozzeck“ dazugespannt. Viel Beifall vom Premierenpublikum am Sonntagabend.

Ein Grenzgang, der sich anbietet und hier auch zum Teil so etwas wie eine Sprechoper ergibt. Ein kleines Stück Alban Berg bekommt man mit dem singenden Doktor von Tobias Hagge. Ansonsten legt sich die Komposition von Janek Duszynski mit herbem Streicherton, hell glöckelnd, klöppelnd und trommelnd unter das gesprochene Wort. Allerdings kann diese Dauer-„Zuspielung“ der rundum positionierten Musiker auch mal die Wortwahrnehmung stören. Das steckt der Besucher, Regietheater-gestählt, noch weg.

Aber warum, um Himmels Willen, müssen die Schauspieler auch noch ständig durch ein die gesamte Bühne füllendes Schwimmbecken planschen? Nur weil Woyzeck nach seinem Mord an Marie ins Wasser geht? Man befürchtet ja erkältete Blasen, vor allem bei Hauptdarsteller Kristof Van Boven, der das Nass auf alle körperlichen Arten durchpflügen muss. Die sechs Schauspieler geben ihr Bestes in diesem feucht-regieverquälten Beckenspiel. Ein Beispiel: Marie Jung (Marie) watet zu dem auf dem Klappstuhl im Wasser thronenden Stefan Hunstein (Tambourmajor), um sich akrobatisch auf seinen Schoß zu kuscheln. Einfälle, die nicht wirklich etwas beitragen, sollte man fallen lassen.

Immerhin: Wysocka (und Dramaturg Koen Tachelet) lassen das Stück mit der Szene „Steckenschneiden“ beginnen, in der Woyzeck von seinen Feuervisionen heimgesucht wird. Damit treten die Aspekte diskriminierende Gesellschaft und wissenschaftliches Experiment, unter denen Woyzeck leidet, in den Hintergrund. Hier erleben wir hauptsächlich Woyzeck als Opfer seiner existenziellen Not – und mit Kristof Van Boven einen Darsteller, der diesen Woyzeck fühlbar macht.

Van Boven hat etwas, was nicht erklärbar ist: so eine kluge Naivität, wie er sich bewegt, diese kleinen suchenden Gesten, immer in Phrase und Rhythmus mit dem Wort. Egal, was er sagt, man hört ihm zu, scheint auf den Schwingungen seiner Sprache bis dorthin zu gelangen, wo er denkt und empfindet. Uns hätte genügt, nur ihn an diesem Abend zu sehen. Das wäre mehr Büchner gewesen als das ganze planschende Gewese.

Malve Gradinger

Nächste Vorstellungen

am 7., 8. und 13. Oktober;

Telefon 089/233 966 00.

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