Duett der Selbstmord-Kandidaten

- Was dem Menschen alles so im Kopf herum geht bei Sichtung einer Problemlage, diesen "inneren Monolog" hat Arthur Schnitzler als erster in die deutsche Literatur eingeführt, in "Lieutenant Gustl" (1900), ausgefeilter noch in "Fräulein Else" (1924). Der distanzierende Erzähler fällt da weg, Real- und Denkzeit sind identisch - das macht beide Erzählungen, wie ja schon oft bewiesen, höchst bühnentauglich. Ingrid Cannonier hat sie jetzt obendrein noch verschränkt: "Lust und Frust", ein psychologisch fein gearbeitetes Selbstmordkandidaten-Duett.

<P>Leutnant Gustl, von einem "satisfaktionsunfähigen" Bäckermeister in aller Öffentlichkeit mit "dummer Bub" gerügt, meint sich erschießen zu müssen. Else wird von der Familie zur Prostitution mit dem reichen Kunsthändler von Dorsday erpresst, um den verschuldeten Vater vor dem Gefängnis zu retten - und nimmt Veronal. Ingrid Cannonier hat in beiden thematisch verwandten Texten klug Stichwörter ausgespürt, wo ein Protagonist wie selbstverständlich dem anderen das Wort überlassen kann. Dass man im intimen Münchner Teamtheater Comedy so nahe an der Podiumsbühne sitzt, fordert Julia Koschitz und Nico Jilka ein hochgradiges Spannung-Halten ab. Und die beiden leisten das, machen dieses reine "Verbalstück", nicht zuletzt dank kleiner feiner Regie-Einfälle, körperlich sinnlich: Jilka gibt seinem Gustl die Exaltiertheit eines jungen haltlosen Menschen im Angstschweiß des selbst beschlossenen Todes, Julia Koschitz, wunderbar nuanciert, ihrer Else die hinreißende Koketterie einer lebenshungrigen Neunzehnjährigen, aber unter dem Entscheidungsdruck im nächsten Atemzug schon die plötzliche reife Einsicht einer völlig Erwachsenen.<BR><BR>Wenn auch Elses Problematik für uns heute leichter nachzuvollziehen ist als die des "entwürdigten" Leutnant Gustl - in beiden Fällen handelt es sich um Figuren eines verrotteten k. u. k.-Österreichs. Selbstmorde aus Scham und verletztem soldatischem Ehrgefühl, das ist eher Museum. Aber gerade dadurch wird einem nochmals bewusst, wie zeitabhängig Moral- und Wertvorstellungen sind . . . <BR><BR>Bis 26. Februar. Karten: Tel. 089/ 260 66 36. <BR></P>

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