Dunkle Engel des Sex

- Französische Filme handeln immer von der Liebe. Meistens sieht man eine Frau zwischen zwei Männern, idealerweise in kleidsamem Schwarzweiß, und verfolgt 90 Minuten lang, wie sie sich nicht entscheiden kann. Dazwischen wird literweise Café´au lait getrunken, und ein paar schick gekleidete Männer fahren zigarettenrauchend die Champs Elysées herunter, am besten im Citroën DS-Cabrio.

<P>So ungefähr sieht das französische Kino in der Klischee-Konzentration aus, und oft genug wurden diese Vorurteile auch in jüngster Zeit aufs Neue bestätigt. Doch seit ein, zwei Jahren bemühen sich vornehmlich die jüngeren französischen Filmemacher redlich, sich von der typischen "Ménage à trois" oder auch der "amour fou" freizustrampeln. Filme wie der verstörende "Baise-moi" waren nur der Anfang. </P><P>Die Sektion des französischen Films beim diesjährigen Münchner Filmfest beweist deutlich, dass es auch für die Regisseure unseres Nachbarlandes noch andere Themen gibt als den unverwüstlichen Einklang zweier Herzen. Da ist zum Beispiel "Aram" von Robert Ké´chichian. Im Zentrum des spannenden Polit-Thrillers in düsterster Film-Noir-Tradition steht der ehemalige armenische Untergrundkämpfer Aram (Simon Abkarian), der seinen jüngeren Bruder rächen will und schließlich auf der Hochzeit seiner Schwester ein Blutbad provoziert. Kéchichians finstere Parabel gleicht stellenweise einer Shakespeare'schen Familientragödie, manchmal wieder mehr einem exakt choreographierten Actionfilm. Doch die ungewöhnlichen Bilder, die Ké´chichian für seine Gewaltorgie findet, vergisst man nicht mehr. </P><P>Schockierend und drastisch stellt auch Jean-Claude Brisseau in "Choses secrètes" die Frage, wie eng Macht und Sexualität miteinander verwoben sein können. Seine Heldinnen Sandrine und Nathalie schweben als dunkle Engel des Sex über den Männern, die sie erst erobern und anschließend vernichten wollen - mit schmutzigen Tricks und dem vollen Einsatz ihrer Luxuskörper. Wie zwei weibliche Don Juans, die schließlich an dem Supermacho Christophe scheitern. <BR>Gangster und Gefühle</P><P>Auch Cathi, gespielt von der inzwischen erwachsen gewordenen Marie Gillan aus "Mein Vater, der Held", lernt das Leben von seiner knallharten und erbarmungslosen Seite kennen: In "Ni pour, ni contre - bien au contraire" von Cédric Klapisch gerät die unscheinbare Kamerafrau Cathi in eine Clique von Bankräubern. Für die einsame Frau werden die raubeinigen Ganoven rasch zur Ersatzfamilie, mit denen sie auf Streifzüge durch die Juweliergeschäfte des Landes geht. Beim nächsten großen Coup soll "die Kleine" endlich mal zeigen, was sie kann, fordern die Männer. Und genau das tut Cathi dann auch . . .</P><P>Einen Lernprozess ganz anderer Art macht Odile (Emmanuelle Béart) in "Les Egarés" durch, dem neuen, sehr emotionalen Film von André Téchiné. Im Juni 1940 nähern sich die deutschen Truppen Paris. Die junge, verwitwete Lehrerin flieht wie viele andere mit ihren beiden Kindern aus der Stadt. Auf dem Weg nach Süden treffen sie auf den mysteriösen 17-jährigen Yvan (Gaspard Ulliel), der zwar jede Frage nach seiner Vergangenheit verweigert, sich aber rührend um die Kleinfamilie kümmert. Odile will Yvans Hilfe nicht annehmen und lernt erst spät, über soziale Herkunft und frühere Fehltritte hinwegzusehen. Was zählt, ist letztlich doch die Liebe - und die können die Franzosen immer noch am schönsten in Bilder packen. </P><P> </P>

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