Dunkle Monumente

- Die Brahms'sche Symphonie als dankbarer Abschluss eines Tournee-Abends, davon wolle er weg, hat Simon Rattle einmal sinngemäß gesagt. Orchestrale Leistungsschau, nie provozierende Emotionalität, Inbegriff (groß)bürgerlicher Konzertkultur - Rattles Berliner Antipode Daniel Barenboim bediente auch all das, wenn er nun die vier Symphonien, verteilt auf zwei Abende, im Münchner Gasteig dirigierte.

<P>Und noch viel mehr: Wie kaum ein anderer Alterskollege sieht sich Barenboim in deutsch-romantischer Aufführungstradition. In jener Tradition, die Monumente meißelt und nicht mit kühner Analyse seziert. Die dieser Musik Größe, Pathos und Wucht gestattet - was manch "historisch" geprägter, kleinteilig puzzelnder Dirigent gern ausblendet.<BR><BR>Die Staatskapelle Berlin, durch Barenboim an der Deutschen Staatsoper zu einem bemerkenswerten Ensemble gereift, scheint hier der Idealpartner. Von dunkler Fülle ist ihr Klang, auf breiter Streicherbasis ruhend, erstaunlich geschlossen, dicht und sämig, nie in blitzende Brillanz verfallend, solistische Passagen (das ist auch ein Problem) selten individuell ausstellend. Barenboim versteht sich dabei nicht als Strukturalist, sondern als Klangarbeiter, als einer, der diesem Phänomen nachspürt, nach seiner Beschaffenheit, nach dem Woher und Wohin fragt.<BR><BR>Was dadurch bei Brahms gelingt, sind wunderbare Übergänge, weich flutende Wechsel von einem Aggregatszustand zum nächsten. Am stärksten vielleicht im Kopfsatz der Zweiten, den Barenboim aus druckloser Entspannung entwickelt, zu triumphierender Majestät führt, ihn dann wieder gelassen ausfließen lässt.<BR><BR>Gefällig, schön und geschmäcklerisch</P><P>Doch der Hang zum Dauer-Legato bescherte den Konzerten auch fragwürdige Momente. Barenboim erzielte mit der Staatskapelle dann nur ein diffuses, wenig profiliertes Aufrauschen, eine matt oszillierende Flächigkeit. Gefällig und schön war das, aber auch geschmäcklerisch. Und gefährlich belanglos. Meist litten darunter die Mittelsätze der Symphonien, zum Beispiel in der dritten, die im Einheits-Adagio verblassten. Der Mann am Pult bemerkte dies offenbar, versuchte er doch, in den Finali gegenzusteuern - wodurch das Allegro con spirito der Zweiten in bloßes Effekthaschen mündete.<BR><BR>Je heterogener und zerrissener die Faktur, desto besser war Barenboim. Selbst wenn er in der Ersten die Schlusscoda zu überstürzt und jeglicher zusätzlicher Steigerung beraubt dirigierte, so faszinierte doch der Beginn dieses Satzes, diese genau formulierte Theatralik, dank derer der Geist Celibidaches durch die Philharmonie zu wehen schien.<BR><BR>Den stärksten Eindruck hinterließ nicht die beifallheischende Erste (die Barenboim an den Schluss des Zyklus' setzte), sondern die herbe Vierte. Das Andante moderato: ein Mirakel an klug abgemischter Klanglichkeit. Das Allegro giocoso: muskulös, nicht zu knallig. Schließlich das heikle Finale: eine Folge von Charaktervariationen, nie nebeneinander gestellt, sondern als ein Verlauf vorgeführt, der sich zwingend entfaltet, sich steigert und plötzlich abreißt. Als ob Brahms ahnte, dass am Ende des Werks Neuland drohte, das er - noch - nicht beschreiten mochte. Jubel, nach dem zweiten Konzert Standing Ovations - die wohl nicht allein dem Dirigenten, sondern auch der politischen Integrationsfigur Barenboim galten. Was ja einem Interpreten durchaus hilfreich sein kann.</P><P> </P>

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