Die dunkle Seite

- Jack Nicholson grinst diabolisch, wutverzerrt durch das gesplitterte Holz einer mit der Axt zerschlagenen weißen Tür. Es gibt kein bekannteres Porträt des Schauspielers als diese Szene aus Stanley Kubricks "Shining" (1980). Großaufnahmen von extrem emotionalem Gehalt gehörten genauso zu den filmischen Mitteln des 1999 verstorbenen US-Regisseurs wie die kühlen, präzisen und dadurch oft überästhetisiert und steril wirkenden Bildkompositionen seiner zwölf Meisterwerke, in denen sich Kubrick immer wieder mit der dunklen Seite der menschlichen Natur auseinander setzte.

Der fast einen halben Quadratmeter große Foliant "The Stanley Kubrick Archives" hält nun rund 800 dieser Nahaufnahmen in einem opulenten Bildband bereit. Eingescannt von den Originalnegativen und chronologisch sortiert, erlauben sie zunächst einen intuitiven Zugang zu Kubricks Filmuniversum: Von den poppigen Zukunftsvisionen aus "2001: A Space Odyssee" über die üppigen Kostümszenen von "Barry Lyndon" bis hin zum entzückenden Rückenakt von Nicole Kidman in "Eyes Wide Shut" unterbrechen weder Bildunterschriften noch erläuternde Texte den visuellen Genuss, stören das Versenken in die Filmbilderwelten. Das ist ganz im Sinne Kubricks, der, einmal nach der Botschaft von "Space Odyssee" gefragt, antwortete: "Ich hatte nie die Absicht, eine Botschaft in Worten zu transportieren. ,2001 ist eine non-verbale Erfahrung. Ich habe versucht, ein visuelles Erlebnis zu schaffen."<BR><BR>Natürlich findet das Buch doch auch Worte für das Phänomen Kubrick. In einem zweiten Teil erlaubt es tiefe Einblicke in die Entstehungsgeschichten seiner Filme und in seine Arbeitsweise. Die Herausgeberin Alison Castle machte sich zwei Jahre lang die Mühe, mit Kubricks Witwe Christiane den Nachlass des Regisseurs zu sichten. Das Ergebnis zeigt Kubrick als akribischen, geradezu besessenen Sammler von Fotos, Modellen, Zeichnungen, Büchern, Skriptentwürfen und Requisiten zu seinen Filmen. Material, das hier teilweise erstmals veröffentlich wurde, ergänzt um Essays von Kubrick-Kennern und einer Audio-CD, auf der einige der raren Interviews zu hören sind. Zusammen mit je einem originalen Filmstreifen aus "Space Odyssee" werden die Exemplare der ersten Auflage zum wertvollen Unikat, das nicht nur den Kubrick-Liebhaber überzeugen muss. <P>Alison Castle (Hrsg.): "The Stanley Kubrick Archives". Taschen Verlag, Köln, 544 Seiten; 150 Euro.<BR><BR></P>

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