Im dunklen Seelenwinkel

- Zurücklehnen, gar genießen - das funktioniert nicht, wenn Ian Bostridge in die wunden Welten eines Franz Schubert eintaucht. Im Rahmen der Münchner Opernfestspiele tat er dies wieder einmal, am Sonntagabend im Prinzregententheater.

Schlipslos und viel Skepsis im mürrischen Blick tritt er vor die Zuhörer, die sich von ihm und seinem Klavier-Partner Julius Drake weglocken lassen in den rastlosen Sog der Verzweiflung. Mutig beginnt er mit einem verhaltenen "Frühling", um von dort aus direkt in die winterreisennahe Stimmung "Über Wildemann" zu wechseln - noch fast zornig aufbegehrend. Die Besänftigung folgt, doch "Der liebliche Stern" strahlt nicht lang, erlischt vor den Schattierungen des Liebeselends, das Drake am Flügel mit allen denkbaren Farben der Verzweiflung unterfüttert. Mit wilder Motorik und schicksalhaft pochender Linker hetzt er den Sänger "Auf der Bruck", und Bostridge ringt als Liebeskranker seinem schlanken, instrumentalen, hellen Tenor beklemmenden Ausdruck ab.In kluger Dramaturgie fügt er die oft weniger gängigen Schubert-Lieder zusammen, entwirft - sich bedingungslos verausgabend - Bilder romantischer Liebesqual und Todessehnsucht, die noch heute zur existenziellen Erschütterung, zum beinahe physischen Unbehagen genügen. Todeswund ("Totengräbers Heimweh") schürft er in Schuberts dunkelsten Seelenwinkeln, sichtbar unter äußerster Anspannung.Nur momentweise gönnt das amalgamierende Duo sich und den Zuhörern Erholung ("Auf der Riesenkoppe"), erzählt eine wohlbekannte Geschichte ("Die Forelle") wunderbar neu und schöpft in der vom Klavier in schwereloser Behändigkeit umspielten "Fischerweise" Kraft für gedankenschwere Tiefen: in "Nachtviolen", "Geheimnis" und "Waldesnacht", aus der nur der Applaus in die Realität - und zu zwei Zugaben - zurückführt.

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