Die dunklen Seiten

Prim-Geigerin Muriel Cantoreggi im Gespräch: - Seit fast zwölf Jahren ist sie Prim-Geigerin des Münchener Kammerorchesters, und beim Konzert am kommenden Donnerstag (20 Uhr im Prinzregententheater) gibt sie wieder einmal den Ton an: Muriel Cantoreggi, die Französin mit den italienischen Wurzeln, wird dann mit ihren Kollegen zeigen, was ein Orchester allein zustande bringt. Jedes Jahr einmal präsentiert sich das Ensemble pur, ohne Dirigent.

Im heurigen "Licht"-Zyklus darf dieses Konzert die Schatten werfen, die "dunkle Seite des Lichts" beleuchten: Ein Haydn-Notturno (Nr. 8 G-Dur) und Schönbergs "Verklärte Nacht", beide Werke in chorischer Streicher-Besetzung, bilden die Eckpfeiler des Programms. Ein kleines Kammerensemble verlangt "…umdüstert…" von Jörg Widmann, der auch als Klarinetten-Solist in Pierre Boulez‘ "Dialogue de l‘ombre double" mit Tonband zu hören ist. Ein zweites Solo-Stück, Heinz Holligers Gedanken zu Hölderlins "Tinian", bietet dem Kontrabassisten des Orchesters die Chance, sich vorzustellen.

So viele zeitgenössische Werke, das ist ein Programm ganz nach dem Geschmack Muriel Cantoreggis: "Ich mag zeitgenössische Musik und finde es wichtig, dass sie aufgeführt wird. Dabei lerne ich viel über das, was heutzutage ausgedrückt werden will ­ einerseits vom Komponisten, aber auch von der Zeit selbst."

Konzentrierte Probenarbeit ist die Voraussetzung, dass ein solches Programm ohne Dirigent gelingt. "Diese Situation birgt eine große Verantwortung für jeden einzelnen Musiker. Wir erarbeiten als Spieler im gemeinsamen Dialog die Werke. Natürlich muss ich als verantwortliche Konzertmeisterin dem Ganzen Struktur geben, kann auch in den Proben abbrechen und Vorschläge machen. Aber im Konzert muss ich die Zügel loslassen, da geht jeder seinen Weg. Ich kann die Kollegen nicht wie ein Dirigent durch meine Gestik herausfordern."

Um den Überblick zu haben, spielt Muriel Cantoreggi während der Proben nur aus der Partitur. "Im Konzert greife ich dann meist zu den Violin-Noten, weil die Arbeit ja bereits geleistet ist. Dann lasse ich laufen und ernte, was vorher erarbeitet wurde. Manchmal sogar mehr", freut sich die Geigerin.

Sie, die quasi direkt nach dem Studium Primaria des Münchener Kammerorchesters wurde, hat bereits im Jugendorchester am ersten Pult "geübt". Gelegentlich hat sie auch als Konzertmeisterin bei großen Symphonieorchestern wie dem des WDR oder beim London Philharmonic gastiert. Aber ihren eigentlichen Platz sieht die sympathische Musikerin nach wie vor beim Münchener Kammerorchester.

"Der Doppelcharakter reizt mich. Ich bin nah an der Kammermusik und habe trotzdem die Möglichkeit, Symphonisches zu spielen. Das ist und bleibt spannend." Auch das im Vergleich zum großen Orchester "andere Individualitäts-Gefühl", die starke Herausforderung jedes einzelnen Musikers, empfindet sie als die große Verlockungen eines kleinen Ensembles.

Obwohl Muriel Cantoreggi nie mit einer Solo-Karriere geliebäugelt hat ­ "dafür muss man ein bestimmter Typ sein" ­ tritt sie immer wieder auch als Solistin auf. Ebenso pflegt sie die Kammermusik, sogar im Duo mit einer Bratsche. Dabei führen unterschiedliche Projekte sie nach Frankreich, Finnland, Italien und in die Schweiz. Das Münchner Publikum kennt und schätzt sie jedoch hauptsächlich als Konzertmeisterin des Kammerorchesters, mit dem sie auch in Zukunft den Alleingang wagen will.

Konzert am 19.4., Karten: Tel. 089/ 46 13 64 30.

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