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„Turandot will ihre persönliche Freiheit durchsetzen“: Szene mit Lisa Wagner in der Titelrolle, Stephanie Leue (Ademala) und den „zugeschalteten“ Thomas Loibl (re.) und Tom Buhrow. Premiere ist heute im Residenztheater. 

Interview zur Premiere

Tod durch Emanzipation

Rückkehr nach München: Jens-Daniel Herzog inszeniert Schillers „Turandot“ für das Residenztheater

Begonnen hat Jens-Daniel Herzog seine Karriere vor 20 Jahren an Dieter Dorns Kammerspielen. Inzwischen ist er einer der wichtigsten Theater- und Opernregisseure unserer Tage. Jetzt kehrt Herzog erstmals als Gastregisseur zu Dieter Dorn zurück: Im Münchner Residenztheater inszeniert er Friedrich Schillers Bearbeitung von Carlo Gozzis Schauspiel „Turandot“. Premiere ist heute.

-Bei „Turandot“ denkt man an Puccinis Oper. Nur wenige kennen Schillers Fassung des Stoffes.
Wobei sich Puccini übrigens nicht auf das Gozzi-Stück bezog, sondern eben auf Schillers Bearbeitung, die er in einer Aufführung gesehen hatte. Dadurch bekam er den Impuls, eine „Turandot“-Oper zu schreiben. Das war für mich auch überraschend.

-Was hat Sie an dem Stück gereizt?
Es waren mehrere Aspekte. Zum einen die Suspense-Techniken und widersprüchlichen Charaktere, die Schiller da entwickelt. Und dann natürlich, dass diese chinesische Prinzessin Turandot, die ihre Ehe-Anwärter töten lässt, wenn sie die gestellten Rätsel nicht lösen, eine aufklärerische Figur darstellt. Sie ist eine Frau, die einen hohen emanzipatorischen Anspruch hat. Sie kann sehr rational begründen, warum sie tut, was sie tut – nämlich Männer köpfen, die nicht auf ihrem Wissensstand sind.

-Mit welchen Gefühlen kehren Sie jetzt als Gast zu Ihrem einstigen Mentor Dieter Dorn zurück?
Ich habe bis 1998 in München inszeniert und bin seither hier nicht mehr tätig gewesen, weil ich eben so viel anderes zu tun hatte mit Opernregie und als Schauspieldirektor in Mannheim . Da ist natürlich immer Sentimentalität dabei, wenn man quasi „heimkehrt“, ganz klar. Wenn ich etwa mit einem Schauspieler wie Helmut Stange wieder arbeiten kann, das freut mich. Es ist schön, mit Kollegen von damals wieder tätig zu sein, aber auch mit den neuen hier am Haus .

-Wirkt sich Ihre Opern-Arbeit auf den Regie-Stil beim Schauspiel aus?
Es gibt viele Unterschiede zwischen beiden Bereichen, aber trotzdem arbeite ich an der Oper nicht anders als im Schauspiel. Man geht von der Figurenanalyse aus, versucht, in einer zeitgenössischen Lesart einem heutigen Publikum einen Konflikt nahezubringen. Wichtig ist in der Oper für mich allerdings immer der Chor: Da hat man die Masse, das Volk, das Druck auf Eliten macht. Das ist ein politisches Element, das man im Schauspiel zu selten findet.

-Sehen Sie solche politischen Aspekte auch in „Turandot“?
Der wesentliche Punkt: Turandot will ihre persönliche Freiheit durchsetzen, aber das geht auf Kosten des Sozialen, der Gemeinschaft. Dieser Konflikt ist in einer Entschiedenheit durchgeführt, die sehr spannend wirkt. Er wird hier zwar in einer märchenhaften Tragikomödie durchgespielt, aber dahinter verbirgt sich eine entscheidende soziologische oder philosophische Fragestellung. Denn Turandots soziale Aufgabe wäre ja, zu heiraten und zu teilen mit dem Bräutigam, auch finanziell. Indem sie sich da verweigert, löst sie Kriege aus mit enttäuschten „Bewerberstaaten“. Ihr Land kommt immer mehr in außenpolitische Isolation.

-Eine Figur im Stück heißt Barak. Wie groß ist die Versuchung, da einen kalauernden aktuellen Schlenker einzubauen?
Die Figur ist eigentlich auf andere Weise interessant. Barak ist ein Asylant, der sich eine Aufenthaltsgenehmigung verschafft hat, indem er eine Witwe heiratete. Er wird als Überlebensartist gezeigt, und das hat natürlich mit dem amerikanischen Präsidenten weniger zu tun.

-Liegt nicht eine unfreiwillige Komik im Kontrast zwischen Schillers pathetischen Blankversen und dem Märchenstoff des Stücks?
Man muss diese Blankverse schon bedienen. Das ist eine wunderbare, sehr direkte Sprache für Schauspieler. Aber das in eine Welt zu stellen, die Schillers verlustig gegangen ist, das bringt für mich eine spannende Reibung, das bringt die Widersprüche, nach denen man ja immer sucht, wenn man so etwas inszeniert.

Das Gespräch führte Alexander Altmann.

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