Durch die Magengrube direkt in die Beine

- Es gibt vermutlich keinen Text über Carlos Santana, der ohne den Begriff Gitarrengott auskommt. Dabei ist das ebenso abgedroschen wie falsch, das bezeugte Santanas furioser Auftritt in der Münchner Olympiahalle. Natürlich, der Mexikaner ist ein begnadeter Virtuose an der Gitarre, aber das alleine macht nicht den Zauber seiner Musik aus. Es ist vielmehr der handwerklich makellose Umgang mit unterschiedlichen Stilen, der diesen unverwechselbaren Sound kennzeichnet.

Filigranes und Rockiges

Santana hat die Aufhebung musikalischer Barrieren sozusagen erfunden, lange bevor das merkwürdige Wort "Weltmusik" die Runde machte. Afrikanisch-karibische Rhythmen, lateinamerikanisch angehauchte Arrangements und melodiöse Anleihen bei westlicher Rockmusik - das alles verbindet Santana so unnachahmlich und mitreißend, dass es einem direkt durch die Magengrube in die Beine fährt.

Neben dem Gitarrenspiel ist es die umwerfende dreiköpfige Rhythmussektion, die dafür sorgt, dass dieses Konzept aufgeht. Beachtlich, wie sehr sich der mittlerweile 58-jährige Santana auch nach so langer Zeit noch mit dem Klang seines Instruments auseinander setzt. Das filigran-fließende Spiel, das ihn berühmt gemacht hat, weicht bei passender Gelegenheit ziemlich wilden und rockigen Klängen. Zeitgemäßer und widerborstig hört sich das an - da schimmert wieder der Woodstock-Veteran durch. Protest als Lebenseinstellung.

Santana fühlt sich dem Geist von damals verbunden. Und er meint es ernst, das spürt man, wenn er in der Zugabe ein leidenschaftliches Plädoyer für eine gemeinsame Welt hält. Die erstaunlich zahlreich erschienene Jugend, die Woodstock nur vom Hörensagen kennt, reagiert begeistert. Überhaupt ist es bemerkenswert, wie euphorisch das Publikum mitgeht, gerade bei aktuellen Stücken wie "I am somebody" aus dem neuen Album.

Santana freut es sichtlich. Er sieht sich schließlich nicht als tingelnde Hippie-Legende, die alte Hits abspult. So baut er unerschrocken das klassische Stück "Concerto de Aranjuez" von Joaquin Rodrigo ein und erntet damit frenetischen Jubel. Dass Santana dann auch seine Klassiker anstimmt, nimmt man als willkommenen Bonus. Denn so unglaublich es klingen mag: Es wäre auch ohne die alten Hits ein wirklich schöner Abend gewesen.

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