Durch die Rolle gemogelt

- Waltraud Meier, Matti Salminen, Thomas Hampson, Christopher Ventris: jeder Name ein Zungenschnalzen, jeder Sänger Garant für größte Wagner-Wonnen. Doch ach, die Erträumten wurden zwar für "Parsifal" verpflichtet, bleiben dabei aber Bayreuth Hunderte von Kilometern fern. Erstklassiges gibt's also heute Abend, im Festspielhaus Baden-Baden bei Kent Naganos Dirigat des Bühnenweihfestspiels, weniger am Grünen Hügel.

<P>Dort wurde nämlich der Premierenreigen mit dem wohl fragwürdigsten Ensemble der letzten Jahre beschlossen - was wiederum ins Bild passt: Bis auf zwei, drei Ausnahmen versackte Bayreuth heuer im vokalen Mittelmaß. Eine Pannenserie des Besetzungsbüros? Vertraut man nur noch auf willige Ja-Sager? Oder ist dieses "Mekka" für Stars nicht mehr attraktiv genug?</P><P>Dabei gebürt Claus Guths aufregender Deutung des "Fliegenden Holländers" weiterhin Rang eins unter den dortigen Inszenierungen. Aber was hilft's, wenn als Titelheld ein Sänger auftrat, der nur noch ein Schatten seiner selbst war, der sich oft in bizarren Sprechgesang flüchtete und sich durch die gefürchteten Bariton-Höhen der Partie mogeln musste. Selbst durch (zu) expressives Spiel konnte John Tomlinson, einer der wichtigsten Wotan-Darsteller der letzten Jahrzehnte, für seine Überforderung nicht entschädigen. Auch Adrienne Dugger (Senta) berührte zwar mit mädchenhafter Darstellung, mochte indes ihren unausgeglichenen, zerfasernden Sopran, der eigentlich nur in Forte-Attacken funktionierte, nicht richtig kanalisieren.</P><P>Alfons Eberz, der neue Erik, wähnte sich offenbar in Veronas Arena, zielte auf Dezibelrekorde, bräuchte also dringend einen Trainer, der ihm sein baumstarkes, ungeschlachtetes Material zurechtschleift. Was bleibt also? Ein solider bis eindrücklicher Daland (Jaakko Ryhänen), ein kammermusikalisch gelaunter Steuermann (Tomislav Muzek), eine hochakzeptable Mary (Uta Priew) und ein Chor, der diese Solisten locker verblassen ließ.</P><P>"Wir können auch anders", dachte sich wohl das Orchester: Schon mit den ersten peitschenden Takten brachte Marc Albrecht das Gegenargument zu Adam Fischers lauem "Ring". Der raue Furor der "Holländer"-Musik, die kantige Rhythmik, der dramatische Druck, all das lieferte Albrecht, ohne das Geflecht der Mittelstimmen zu überfahren. Dass er in arienhaften Momenten zum extremen Verbreitern neigte, ist ein Schönheitsfehler dieser Interpretation, machte auch manchem auf der Bühne zu schaffen.</P><P>Höflicher, für Bayreuther Verhältnisse schwacher Applaus, auf Claus Guth und Ausstatter Christian Schmidt prasselten nach einer Schrecksekunde des Publikums Bravi, vor allem Buhs nieder. Maritimes bis zur Klippen-Romantik gibt es bei ihnen nicht, dafür eine perfekt ziselierte Regie und ein alptraumartiges Psycho-Spiel, das Grauenhaftes thematisiert, Sentas Außersichsein als Folge eines Inzests andeutet. Der Holländer und Papa Daland als Spiegelung derselben Person, Senta selbst begegnet sich als kleinem Kind und als gealterter Frau (Mary): ein in der Personenführung noch geschärfter Thriller, der im zweiten Jahr nichts an Faszinationskraft einbüßt. Das wär's doch _ Bayreuths 2006er-"Ring" von Guth inszeniert. Doch der schmiedet, wie zu hören war, bereits seine Version für Hamburg.</P>

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