Durch seine Musik wurde er zum Kämpfer

- "Er war ein sehr netter, guter, hilfsbereiter Mann, aber furchtbar nervös und ängstlich", erinnert sich Mariss Jansons an Dmitri Schostakowitsch und macht vor, wie der Komponist immer einen Arm hinter dem Rücken verbarg, wenn er sich jemandem näherte.

"Man hatte gleich Mitleid mit ihm. Außerdem hat er sehr schnell und sehr kurz angebunden gesprochen. Über seine Musik mochte er gar nicht reden. Wodka hat er gern getrunken, er konnte sich schnell verlieben -und er hatte eine große Leidenschaft für Fußball." Als junger Mann durfte Jansons dem Komponisten begegnen.

Nicht, dass er ihn deshalb gleich näher gekannt hätte, wie er einräumt. Aber bei Proben seines Lehrmeisters Jewgenij Mrawinsky konnte Jansons den Tonschöpfer dann doch beobachten. Derzeit ist Jansons, Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters, Schostakowitschs wichtigster Interpret. Münchner Konzertbesucher können sich davon in den nächsten Tagen überzeugen: Zu Schostakowitschs 100. Geburtstag veranstaltet der Bayerische Rundfunk ein Festival. Start ist am morgigen Mittwoch, Jansons führt die siebte Symphonie und Mozarts "Thamos"-Musik auf (Philharmonie, 20 Uhr), in weiteren Konzerten sind neben Jansons seine Kollegen Bernard Haitink und Thomas Sanderling zu erleben.

Überdies gibt es Kammerkonzerte, ein Abend mit dem BRChor und eine Podiumsdiskussion unter anderem mit Jansons, Mstislav Rostropowitsch und Rodion Schtschedrin. Ob denn Schostakowitsch bei Künstlern aus dem Osten besser aufgehoben ist als bei westlich geprägten? "Nein", meint Jansons. "Mensch ist Mensch. Jeder hat doch eine Seele und die Intuition für solche Musik. Auch in Russland war es anfangs schwierig fürs Publikum, diese Musik zu fühlen -das Wort ,verstehen‘ mag ich in diesem Zusammenhang nicht." Er selbst, so Jansons, habe zum Beispiel erst später begriffen, dass das D-Dur-Finale der Siebten eben keinen Triumph darstelle.

Überhaupt glaubt Jansons, dass es wieder Zeit für Schostakowitsch sei, unabhängig davon, ob ein Gedenktag anstehe. "Er ist ein echter zeitgenössischer Komponist. Unser Leben ist doch schwieriger geworden, es gibt große Probleme in der Welt, da kann man gerade jetzt spüren, was diese Musik ausdrückt." Schostakowitschs Klänge seien eine "Musik der Tiefe", eine, die sich mit "der inneren Welt des Menschen" befasse. Mit Gedanken über Furcht, Schrecken und Krieg, "die immer existieren werden". Gerade deshalb sei Schostakowitschs Kunst zeitlos.

"Schostakowitsch hatte Beethovens Geist."

Mariss Jansons

Für Mariss Jansons sei es außerdem "ein Wunder", in welch verschiedenen Sparten -ob Symphonik, Kammermusik, Oper oder Chorwerke -dieser Tonschöpfer erfolgreich sein konnte. Und hätte Stalin seinerzeit nicht die "Lady Macbeth von Mzensk" so verdammt und damit Schostakowitschs Opernschaffen den entscheidenden Dämpfer versetzt, "dann wäre er sicher der Verdi des 20. Jahrhunderts geworden". Auch wenn sich Schostakowitsch nach außen hin vom sowjetischen Regime vereinnahmen ließ: Kritisiert werden dürfe er deshalb nicht, sagt Jansons.

"Viele Leute verstehen bis heute nicht, was die Stalin- Diktatur bedeutet hat. Kämpfen war lebensgefährlich. Ich bin mir sicher: Wäre er Schriftsteller gewesen, hätte Stalin ihn töten lassen. Schostakowitsch hatte Beethovens Geist. Durch seine Musik wurde er zum Kämpfer."

Informationen zum Schostakowitsch-Festival unter www.br-klassik.de oder unter Tel. 5900-45 45.

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