Durchs Vergrößerungsglas

- In München lechzt man nach Tanz-Uraufführungen. Und jetzt, zum heutigen Auftakt der Ballettwoche, wird eine mit Spannung erwartet: Der Israeli Itzik Galili, seit 1997 sein eigener Tanzchef im niederländischen Groningen, choreographierte fürs Bayerische Staatsballett "So nah, so fern" zur Auftragskomposition der Holland-Gruppe Percossa. Ergänzt wird der Abend durch Jiri Kyliáns wiederaufgenommenes "Bella Figura" und die Münchner Erstaufführung von George Balanchines Strawinsky-Klassiker "Agon" von 1957.

Geboren wurde Galili in Tel Aviv, der Stadt auch der Batsheva Dance Company, der er zunächst als Tänzer angehörte. "Dort habe ich auch mein erstes Stück kreiert", erzählt er, und dass er es merkwürdig fand, unmittelbar als Choreograph eingestuft zu werden. "Sehr vorsichtig habe ich dann erst nur kleine Stücke gemacht und versucht, so wenig wie möglich in Panik zu geraten. Denn großer Ruhm kann dich in einer Sekunde auch wieder zerbrechen."<BR><BR>Vorsicht, Sich-bedeckt-halten, Schritt für Schritt etwas aufbauen - das ist Galili, zumindest ein wesentlicher Teil von ihm. 1991 geht er nach Holland, "aus privaten Gründen", choreographiert freischaffend für das Scapino, das Holländische und das Finnische Nationalballett, für Monte Carlo, Genf und die Grands Ballets Canadiens. Als Holland 1997 für seine nördliche Region eine neue Compagnie-Gründung plant, wird er von höchster staatlicher Stelle dafür ausersehen.<BR>Dennoch weiterhin Gastchoreographien. Im April 2004 "Hikarizatto" für das Stuttgart Ballett. Galili: "Es war eine rein abstrakte, regelrecht mathematisch strukturierte Arbeit für 40 Tänzer, eigentlich eine Choreographie, die in sehr enger Verbindung mit meinem eigenen, sehr komplizierten Lichtkonzept entstand."<BR><BR>"Plötzlich findest du heraus, dass du zerbrechlich bist wie ein Ei."<BR>Itzik Galili<P>Etwas von diesem Lichtszenario sei hier in weiterentwickelter Form übernommen. "Aber jedes Mal, wenn ich etwas choreographiere, ist es total anders. Es geht von einer extremen Tanztheater-Annäherung bis zu puren abstrakten, sehr körperlichen Stücken, auch auf Spitze."<BR><BR>Das Münchner Werk sei aus drei verschiedenen Phasen gebaut: "Die eine ist die ,Fantasie, die jeder Künstler versucht zu aktivieren. Die andere ist die ,Gesellschaft, unser Spiegel. Daraus erwächst der dritte Teil: Mit jeder Person, die man herausnimmt und durch ein Vergrößerungsglas anschaut, entsteht dann auch eine Geschichte."<BR><BR>Hört sich an, als ob der Zuschauer in seiner Vorstellungskraft da ganz schön gefordert wird. Und nicht minder das Staatsensemble. Ivan Liska wollte vor allem, so Galili, dass seine Tänzer mit einer neuen Bewegungssprache bereichert würden. "Also habe ich möglichst so mit ihnen gearbeitet wie mit meinen eigenen Leuten." Aber diese ganz andere Arbeit brauche eigentlich Zeit. Und es ist herauszuhören, dass er gerne wiederkäme. Dass er jetzt, nach sieben Jahren mit einer freien Compagnie, bereit sei, an einem größeren Haus zu arbeiten, als Hauschoreograph oder als Tanzchef. In Leipzig vielleicht, wo das Ensemble durch den frühen Tod von Uwe Scholz ja verwaist ist.<BR><BR>Über den Konflikt zwischen Israel und Palästina vom Choreographen Itzik Galili nur so viel: "Wenn man wie ich so lange im Ausland lebt, merkt man, dass Rassismus auf fast allen Ebenen existiert. Und wenn ich gefragt werde, sage ich: Schau' dir jetzt dieses Stück an. Dann weißt du, auf welche Seite ich mich schlage. Ich glaube an gegenseitigen Respekt. Punkt . . . Aber dennoch bin ich zur Armee gegangen. Es ist ein Teil des Gesamt-Menüs. Jeder macht es, so wie jeder zur Schule geht. Also machst du es auch, mit 18. Das ist ein wahrer Schlag auf den Kopf, wenn du noch in dieser ,unsterblichen Phase bist, wo niemand dich verletzen kann. Und plötzlich findest du heraus, dass du so zerbrechlich bist wie ein Ei. Andererseits, diese drei Jahre in der Armee, heute sind es nur noch zwei, das gibt einem einen schärferen Wahrnehmungssinn, auch für sich selbst."<BR><BR>Zum Tanz kam Galili erst nach dem Militärdienst. Was davor lag, keine glückhafte Zeit offensichtlich, bleibt in Schweigen gehüllt. <BR><BR></P>

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