Bob Dylan war nie jung

München - Der Mann, der heute 70. Geburtstag feiert, revolutionierte die Popmusik – und stand doch stets außerhalb des Zeitgeistes.

„Ich wünschte, Bob Dylan wäre tot“, schrieb der Journalist Mark Jacobson bereits in den Siebzigern. „Dann könnte ,Kanal 5‘ endlich eine Dokumentation seines Lebens zusammenstellen... bloß die unveränderlichen Fakten.“ Ein böser, doch erhellender Wunsch: Dylan überfordert seit jeher seine Zeitgenossen. So viel Talent, so viele unbestreitbare Verdienste – und gleichzeitig so viele falsche Fährten, Behauptungen und Legenden auf einem Haufen. Das ist ja kaum auszuhalten.

Viele der Blendgranaten um seine Person hat Bob Dylan selbst gezündet. Schon bei seinem ersten Vorstellungsgespräch vor einem Schallplattenboss behauptete er, er sei als Landstreicher vom Zug gefallen. Und im Laufe seiner nunmehr 50 Jahre währenden Karriere hat er sich so viele Masken übergezogen – da scheint es fast fair, dass ihn 2009 eine 24-jährige Polizistin in New Jersey verhaftete. Dieser verknitterte Landstreicher behauptete zwar steif und fest, er wolle nirgendwo einbrechen, er sei mit Willie Nelson und John Mellencamp auf Konzertreise und gehe gerade spazieren – aber weiß man’s?

Jacobsons Wunsch wurde also gottlob nicht erhört, Bob Dylan wird heute 70 Jahre alt. In den Siebzigern wäre das ein biblisches Alter gewesen. „Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich alt werde“, lautete damals das Rock’n’Roll-Credo, ausgegeben von Pete Townshend von The Who. Die Popmusik steckte zwar nicht mehr in den Kinderschuhen (Dylan hatte sie da rausgewuchtet). Aber so etwas wie das Alterswerk eines Pop-Künstlers war nicht vorstellbar. Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin – alle früh verglüht. Jenseits der 30 war der Spaß definitiv vorbei.

Dylan hat exemplarisch gezeigt: Das muss nicht sein. Sein Weg ins Alterswerk ging nicht ohne kreative Abstürze über die Bühne, aber seit langer Zeit steht der Mann wieder wie ein Monolith in der Landschaft. Veröffentlicht alle vier Jahre eine umjubelte Platte, bekam 2008 den Pulitzer-Sonderpreis, wird immer wieder für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen, moderierte drei Jahre lang eine Radiosendung, in der er seine Lieblingsmusik spielte. Und er ist immer noch ein Prägestock: die derzeit angesagteste deutschsprachige Band, „Ja, Panik“, zum Beispiel. Sänger Andreas Spechtl dehnt die Vokale genauso ins Fast-schon-Lächerliche wie der Altmeister. Bob Dylan ist noch heute der Inbegriff dessen, was cool ist. Ein Klassiker.

Warum altert der Mann so gut? Es liegt wohl daran, dass er nie landläufig jung war. Als sich Robert Zimmerman 1961 von seiner Heimatstadt, dem schäbigen Bergbau-Kaff Hibbing im Norden der USA, nach New York aufmachte, sang er im Greenwich Village die alten Geschichten über Mörder, und Arbeiter aus der Zeit der Depression, wie sein Vorbild Woody Guthrie es getan hatte. Er war schon immer vor allem an den Musiktraditionen Amerikas interessiert, deren lose Enden er aufnahm und weiterspann.

Dylan stand über den Dingen, außerhalb der Zeit. Von diesem distanzierten Ausgangspunkt konnte er in sein System integrieren, was immer ihm zur Verfügung stand – ausufernde surreale Lyrik, eine Stimme wie die eines Kojoten im Stacheldraht, eine quecksilbrig aufspielende Rockband – und so den Zeitgeist diktieren, Avantgarde sein und alles umkrempeln, was in der populären Musik vor ihm gegolten hatte.

Klar, dass er da viele vor den Kopf stieß. Ein bisschen beleidigt wirkt die große Folk-Lady Joan Baez sogar im Jahr 2005 noch, als sie in Martin Scorseses Bob-Dylan-Dokumentation „No Direction Home“ eine hinreißende Parodie auf den dichtenden Nuschler abliefert. Die Augenlider arrogant auf Halbmast, mit schiefer Schnute erzählt sie, was der Jungspund ihr gut 40 Jahre zuvor über die Schreibmaschine hinweg zuknurrte: „Diese ganzen Idioten da draußen erzählen laufend, wovon meine Songs handeln, dabei weiß ich das nicht einmal selbst, höhöhö.“

Dylan verweigerte sich stets allen, die ihn analysieren oder vor ihren Karren spannen wollten. Er spielte nicht einmal der schmachtenden Baez zuliebe den protestsingenden Sinnstifter, obwohl er doch Hymnen wie „Blowing In The Wind“ oder „Masters Of War“ geschrieben hatte – sondern erfand sich 1965 als rockendes Kunst-Chamäleon neu.

Jeder „Judas“-Ruf gegen ihn wirkt von heute aus betrachtet wie eine Auszeichnung an Dylans Brust. Und trotzdem beweisen noch immer besonders seine „Jünger“ allzu oft ihre Engstirnigkeit. Sie kritisieren ihn dafür, dass er vor dem Papst auftrat, dass er in schlechten Filmen und einem Dessous-Werbespot mitspielte, dass er auf seiner „Never-Ending-Tour“ seine Songs wie ein Metzger behandelt, um keine „Greatest-Hits-Show“ abliefern zu müssen.

In einem werden sich aber auch Dylans kritischste Fans einig sein: Eine Dokumentation über diese an Hakenschlägen und Mythen so reichen 70 Jahre, die „bloß die unveränderlichen Fakten“ zeigt – wer braucht die schon?

Johannes Löhr

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