Echte Ovationen

- Es war ein großer, ein langer Abschied. James Levine, der scheidende Chef der Münchner Philharmoniker, verabschiedete sich in der letzten Abo-Serie (nochmal heute) mit zwei Mahler-Werken, dem "Lied von der Erde" und der "Auferstehungssymphonie". Einerseits ein historisches Programm, da Bruno Walter 1911 die Uraufführung des "Liedes von der Erde" durch die Philharmoniker mit der zweiten Symphonie koppelte. Andererseits eine "neue" Eroberung, da das Orchester unter Sergiu Celibidache lange Jahre keinen Mahler gespielt hatte. Darüber hinaus verknüpfte dieses symphonische Programm großes Orchester mit Gesangssolisten und Chor, einer Kombination, die vor allem durch konzertante Opernaufführungen zu einem Schwerpunkt von Levines Münchner Arbeit geworden war. Die Rechnung ging auf, es wurde ein großer Abend.

<P>Orchester-Leistungsschau</P><P>Zunächst einmal für die Münchner Philharmoniker, die mit sicht- und hörbarer Musizierlust ans Werk gingen. Das seinem riesigen Aufgebot zum Trotz so kammermusikalisch und filigran gesetzte "Lied" wie die mächtige Zweite boten den Orchestergruppen mit ihren ausgezeichneten Solisten beste Chancen, ihre Klangkultur und ihre musikalische Ausdruckskraft im Großen wie im Kleinen zu dokumentieren. Levine, der fast reglos auf seinem Stuhl kauerte und den Apparat mit kaum wahrnehmbaren Zeichen lenkte, scheute sich nicht, Mahlers grandiosen Auflösungsprozess in quälender Langsamkeit im sechsten Lied darzustellen, beschwor die poetische Morbidität im zweiten und setzte mit unglaublicher Sanftheit die Heiterkeit des dritten frei. Mit Anne Sofie von Otter und Johan Botha standen exquisite Solisten parat. Ihr schlanker, instrumentaler Mezzo durchzog wie ein Silberfaden das orchestrale Geflecht, zerstäubte im "Ewig Ewig" des Schlussgesangs. Botha setzte seine tenoralen Glanzlichter völlig mühelos, sang klangschön und textverständlich.</P><P>Auch die grandiose, riesig besetzte "Auferstehungssymphonie" entfaltete unter Levines sparsamer Gestik ihren Reichtum, wurde von ihm subtil aufgefächert als eine stets transparente, imponierende Orchester-Schau. Dabei faszinierten die Vitalität der gebrochenen (Trauermarsch-) Klänge oder die wunderbare Verzahnung der Streicher im ländlerhaften Andante. Die ruhig fließende Bewegung des dritten Satzes belebte Levine durch farbige Akzentuierung. Im folgenden "Urlicht" (aus "Des Knaben Wunderhorn") wahrte das Orchester eine diffizile Balance zur Singstimme (Anne Sofie von Otter) in ihrer zart-naiven Gläubigkeit. Sicher eingebunden, "störten" die Fernorchester mit kurzen Turbulenzen das Finale mit seinen gewaltigen Crescendo-Eruptionen. Hochspannung füllte selbst die Generalpausen.</P><P>Und der Philharmonische Chor, erweitert durch den Madrigalchor der Musikhochschule (Einstudierung: Andreas Herrmann, Max Frey), murmelte aus dem Nichts heraus sein "Aufersteh'n", bevor er sich mit Dorothea Röschmann (Sopran) und Anne Sofie von Otter in den Jubel der Gewissheit steigerte.</P><P>Hernach Standing Ovations für alle Mitwirkenden und dankende Abschiedsworte von Kulturreferentin Lydia Hartl an James Levine und den Intendanten Bernd Gellermann.</P>

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