Echte Überraschung

- "Der Blaue Reiter ist ein geistiger Fokus", erklärt Helmut Friedel, Chef des Münchner Lenbachhauses, des wohl wichtigsten Museums für diese Künstlergruppe. Da sie "auf Intellektualität basiert" und nicht auf einer bestimmten formalen Ausrichtung, sei sie nicht "so vergänglich" wie etwa die "Brücke" - wird sehr stolz verkündet. Wie dem auch sei: Wahr ist, dass der Blaue Reiter einen weit gespannten Kunstbegriff hatte - von realistisch bis abstrakt, von Volkskunst bis Exotik, längst Klassischem bis Frisch-Unkonventionellem. Diese Großherzigkeit, dokumentiert im Almanach, der ihm den Gruppen-Namen gab, lässt ihn auch heute noch so faszinierend wie aktuell erscheinen.

<P>In einer Austauschaktion mit dem Museum Ludwig gingen gerade 70 Hauptwerke des Blauen Reiter nach Köln; eine beachtliche Picasso-Ausstellung kommt im Gegenzug in den Kunstbau (ab 13. März). Damit die Münchner und Touristen nicht Entzugserscheinungen bekommen, hat die Städtische Galerie eine Interimsschau konzipiert über "Geschichte und Ideen" der Gruppe. Wer glaubt, eine bescheidene Ersatzpräsentation erwarte ihn, sieht sich angenehm enttäuscht. Ja, es verschlägt einem die Sprache, so sehr trumpft das Lenbachhaus mit seinen Schätzen auf. Die Schau ist so sehr gelungen, dass einem die legendären Werke (fast) nicht abgehen. Sage und schreibe zehn Räume wurden neu gestaltet, inklusive Farbgebung. Sie ist nicht mehr intensiv strahlend, sondern variiert nun abgetönt zwischen Mauve, Grau und Schlammgrün. Riesige Fotos, mal als gedämpfter Hintergrund, mal als kräftiges Signal, setzen Akzente.</P><P>Die  Leuchtkraft  der Die Katze kraulen</P><P>So empfangen im ersten Saal, wo noch die russische Märchensüße und die Reise-Skizzen herrschen, lebensgroß Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, jeweils eine Katze kraulend, die Besucher.  Farben ist scheinwerfer-intensiv, und man sieht, wie sich beide auf den Weg machen zu einer, zu ihrer neuen Kunst. Ein Zimmer weiter, das Murnau, dem späteren Wohnort des Paares, gewidmet ist, verfestigt sich diese Entwicklung. Herrlich das Licht der Berge bei Kandinskys Blick über den Staffelsee. Da finden sich Land und Leute: Maler aus aller Welt, in München werkelnd, vom Voralpenland inspiriert, wurden plötzlich zur Neuen Künstlervereinigung München (1909-1911) mit Jawlensky, Macke, Marc, von Werefkin, Erbslöh, Kanoldt, Bossi und vielen anderen. Nach Diskussion und Streit entsprang daraus ein Heiliger Georg, Patron einer anderen Künstlergruppe: der Blaue Reiter (1911-1914).</P><P>Fotos, Briefe, Schriftstücke, Illustrationsentwürfe und vor allem der berühmte Almanach selbst erzählen höchst lebendig die Geschichte der wunderbaren Aufbruchstimmung am Beginn des 20. Jahrhunderts. Da sind Kandinskys Gedichte und Holzschnitte in dem Buch "Klänge" vereinigt; da sieht man wie Franz Marc auf simplen Postkarten die Bildidee des Prismas in Aquarell entwickelt; da zeigt sich, wie Campendonk diese aufnimmt in vollsaftigen, fast naiven Holzschnitten; da treffen sich die Eigenbrötler Paul Klee und Alfred Kubin zu einem fein gesponnenen Dialog. Aber auch größere Formate von Klee sind zu sehen, apart kombiniert mit den Ikonen-Reminiszenzen von Alexej Jawlensky und einem Gemälde von Otto Freundlich, das so farb-kompakt ist, als wär's ein Mosaik. <BR>Richtiggehend imposant aber ist in diesem Blauen-Reiter-Karussell der Saal mit den Kandinsky-"Kompositionen" oder -"Improvisationen" und den Entwürfen dazu. Hier vibriert die Revolution. Die bildende Kunst fordert den wahrhaft Schauenden ein. Farben, Formen, Linien sind nicht mehr durch "lesbare" Bedeutung eingeschnürt. Ein Blick, und das Bild ist abgehakt: Das ist hier nicht mehr möglich.</P>Bis 25. Juli; Tel. 089/ 23 33 20 00. Zum Blauen Reiter gibt es mehrere Publikationen.

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