Ein echter Bayer

Zu Poccis 200. Geburtstag: - Franz Graf Pocci stieg am Hof der Wittelsbacher von 1830 an zu hohen Ämtern auf ­ Zeremonienmeister, Hofmusikintendant, Oberstkämmerer. In die bayerische Unsterblichkeit ist er jedoch durch einen komischen Burschen eingegangen. In seinen "Lustigen Komödienbüchlein" erschuf Pocci dramatisch den Kasperl Larifari (Verballhornung von "laisser faire").

"Ein feineres Münchnerisch -­ nicht so gschert -­ hat er ihm in den Mund gelegt", erzählt Florian Dering, Chef des Puppentheatermuseums im Münchner Stadtmuseum. Weil der Graf am 7. März seinen 200. Geburtstag hat (1876 gestorben), widmet ihm das Haus eine Sonderausstellung: "Kasperls Heldentaten und die Folgen".

In der Schau geht es also nicht um den Hofmann, Lyriker, Zeichner, Maler und Komponisten, sondern, auf Kasperl bezogen, um den Dramatiker Pocci. Immerhin gibt es einen gemalten Theatervorhang und diverse Arbeiten auf Papier zu sehen. Da zeigt sich ein versonnener Spätromantiker, der alten Ritterzeiten nachträumt, und ein freundlicher Spötter, der seine Zeitgenossen karikiert. Diese satirische Ader kam natürlich auch bei den Kasperl-Stücken heraus, etwa wenn der Turnvereinsvorstand Hans Ferdinand Maßmann (Münchner Straßenname) als markiger "Barrenreck" derbleckt wird. Aber in erster Linie, so Dering, wollte der Kasperlgraf kindgerecht sein.

Als der einfache Aktuar Josef Leonhard Schmid, d\x0fe\x0fr Papa Schmid (1822- 1912), 1858 das Münchner Marionetten-Theater gründete, bat er den hohen Hofbeamten Pocci um Hilfe. Dessen humorvolle Texte waren bekannt und beliebt. Der Graf verwandelte bereitwillig den derben Hanswurst der Bühne, den Kasper des Jahrmarkt-Puppentheaters in einen echten, aber nicht rohen Bayern: Der isst und trinkt gern, hat einen runden Bauch, eine rote Knubbelnase und einen kurz geschnittenen Vollbart. Und weil er der Kasperl Larifari ist, trägt er zu gelben Hosen eine grüne Weste und eine rote Joppe, aus der die große weiße Halskrause herausschaut. Sein spitzer grüner Hut ist mit roten Bändern verziert. "Wir zeigen den Ur-Kasperl", kann das Team Dering und Manfred Wegner also mit Stolz sagen.

In der Exposition präsentiert man denn auch diesen enorm erfolgreichen Typus des Münchner Kasperls in allen möglichen Varianten. Er und Poccis Stücke wurden daheim heiß geliebt, aber ebenso "Exportschlager" ­ besonders in der Schweiz und in Österreich. Herr Larifari war halt ein weltläufiger Kerl und kulturellen Abenteuern nicht abgeneigt. So geriet er in die "Zauberflöte" oder griff selbst zur "Zaubergeige". Das "Eulenschloss" interessierte ihn ebenso wie der afrikanische Dschungel mit leicht geschürzten Eingeborenen oder Geisterreiche mit Gnomen, Hexern, Nixen und Feen.

Der Zauber all dessen funktionierte so gut, dass man in München ein festes Theater für Marionetten baute, das bis heute Spielbetrieb ist. Dessen Pocci-Repertoire war prägend. 1908 zog Bad Tölz nach; aber auch St. Gallen (1903), Salzburg (1913) oder Stuttgart (1919). Sowohl Künstler als auch Amateure pflegten die Tradition und entwickelten sie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs weiter. Diese Erfolgsgeschichte, die heute fast versandet ist, zeichnet die Ausstellung ebenfalls nach und verweist auf die Dauerschau des Puppentheatermuseums. Denn dort ist der Pocci-Schmid-Kasperl stets präsent ­ sogar in echten Bühnenbildern und mit all seinen Freunden und Gegenspielern.

Heute tritt Kasperl Larifari nur noch in Kinderstücken auf. Aber er hat einen bedeutenden Fürsprecher gefunden, der seine Bedeutung zu würdigen weiß: Jörg Hube erschuf im "Herzkasperl" einen großartigen Enkel des Pocci-Kasperls.

Bis 5.10., Tel. 089/ 23 32 23 70, www.muenchner-stadtmuseum.de

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