Echter Spürsinn

- Henri Nannen (1913-1996) war nicht nur der Gründer des "Stern", er ermöglichte auch die Kunsthalle in Emden. Ihr Fundament ist die Sammlung Nannen. Jetzt ist das Museum zu Gast bei der Münchner Hypo-Kunsthalle.

Mit der Ausstellung "Nolde bis Beckmann -­ Jorn bis Richter" präsentiert sich die Kunstinstitution aus dem hohen Norden Deutschlands in ihrer gesamten Bandbreite: Es ist vor allem der Expressionismus, der es dem Spontan-Käufer Nannen ja am meisten angetan hatte; aber auch die Neue Sachlichkeit und spätere expressive "Ausläufer" kommen zu ihrem Recht.

Damit bietet sich dem Betrachter gewissermaßen eine "Ausdrucks"-Kunstgeschichte. Die beginnt bei noch dunkeltonigen Gemälden von Paula Modersohn-Becker ­ ein innig anrührendes Mädchen neben einer alten Frau (1902) ­ und endet bei Fred Thielers ungegenständlichem Farben-Orkan von 1989.

"Ich habe immer nur gesammelt, was in mir Lust erweckt hat ­ oder was mich bis unter die Haut schmerzte."

Henri Nannen

Nannen hatte in München Kunstgeschichte studiert. Und passte sich als Feuilletonist einerseits durchaus den Ästhetik-Vorstellungen der Nazis an. Andererseits gab es immer wieder Streit mit der Partei. Nach Kriegseinsatz und Gefangenschaft erhielt er 1948 die Lizenz für die Jugendzeitschrift "Zick-Zack". Sie wurde zum "Stern". Natürlich ließ ihn die Kunst nicht los. Schon seit seiner Gymnasiastenzeit hatte er Reproduktionen gesammelt, in München kaufte er sein erstes Original, eine Nolde-Grafik. Emil Noldes Werk wird ihn zeitlebens fesseln. Kein Wunder also, dass auch jetzt in der Schau eine imposante Reihe seiner Schöpfungen zu sehen ist. Immer aufs Neue ist man hingerissen von der lodernden Kraft seiner Blumen. Wie grandios dieser Aquarellist ist, kann man jedoch ganz besonders gut an seinem "Madonnenkopf" ablesen. Ein solch subtiler Farbauftrag grenzt an Zauberei.

"Ich habe immer nur gesammelt, was in mir Lust erweckt hat ­ oder was mich bis unter die Haut schmerzte ­ was mich freute, aber auch wütend machte. Wie könnte Lust entstehen ohne den Rausch der Farbe, wie könnte etwas Gefühls- und Denkanstöße vermitteln, was nicht ,anstößig’ ist." Henri Nannen folgte diesem Credo und freute sich daran insbesondere nach seiner Chefredakteurs-Zeit ab 1980. Der Stiftung folgte der Bau der Kunsthalle, die 1986 eröffnet wurde. Erweitert wurde sie 2000 um Werke aus der Münchner Sammlung von Otto van de Loo: Kunst nach 1945, genauer die wildbewegten, vor Farbpaste strotzenden Arbeiten der Cobra-Gruppe, die "ungehobelten" Bizarrerien der Münchner Spur-Leute oder die feineren Gesten des Informel.

Was aber Nannen und seine Sammlung noch interessanter macht, ist sein Mut zu Entdeckungen. Neben den berühmten Expressionisten von Ernst Ludwig Kirchner bis Max Beckmann gibt es eben auch Christian Rohlfs‘ Blumen oder Sonia Delaunay-Terk mit ihren "Finnischen Mädchen", die so farbenfroh wie melancholisch sind. Auch bei Bekannten wie Nolde fand Nannen Unbekanntes, etwa dessen düstere Hafen-Grafiken in Schwarzweiß. Spürsinn bewies er gleichfalls bei den Sozialkritikern der 20er-Jahre. So würde man gern mehr sehen von dem unheimlichen, abgründigen Otto Gleichmann ("Leichenschmaus", 1925) oder von Karl Hofer, dessen "Tiller-Girls" (1923) die Epoche genauso treffend schildern wie Josef Scharls "Blinder Bettler im Café" (1927). Hier wie auch in den unangepassten russischen Gemälden aus den 1980ern bemerkt man, dass Nannens politische "Nase" bestens funktionierte. Erinnert der Kellner, der die Armen verscheucht, nicht an Hitler? In welche unergründliche Zukunft bewegt sich die Menschenmenge durch den Tunnel, die Alexej Alexejewitsch Sundukow 1987 fotorealistisch präzise malt?

Bis 15.4., Tel. 089/ 22 44 12, weitere Infos www.merkur.de.

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