Echtes Massenphänomen

- Ein Bild des Christkindes sollte als kolorierter Holzschnitt um 1460/70 den Wunsch für ein gutes neues Jahr und ein glückliches Leben übermitteln: Ursprung der Grußkarte von heute. Als Symbol der Jungfrauengeburt hält das Kind einen Papagei im Arm, um den Hals trägt es als Talisman eine Korallenkette. Als Attribut des Königs der Könige liegt neben ihm ein Reichsapfel mit einer repräsentativen Landschaft darauf und der Auferstehungsfahne darüber als Hinweis auf das künftige ewige Leben. Die beiden Kaninchen links unten deuten auf erwünschte Fruchtbarkeit.

Dieses Blatt aus den Beständen der Münchner Graphischen Sammlung ist jetzt Teil der über 130 frühe Holzschnitte umfassenden, zuvor in der Washingtoner National Gallery gezeigten Ausstellung des Nürnberger Germanischen Nationalmuseums zu den "Anfängen der europäischen Druckgrafik" und zu deren Gebrauch.

Textildekoration

Die Zahl der heute verlorenen Holz- und Metallschnitte des 15. Jahrhunderts wird auf über eine halbe Million geschätzt. Die Menge der noch bekannten Drucke liegt bei 5200. Pro Holzstock konnten wenigstens 100 Abzüge gefertigt werden, bei kleineren Formaten auch mehr als 1000. Dieses sich seit 1440 immer mehr ausbreitende Massenphänomen einer vorwiegend religiös bestimmten Bilderflut basierte auf dem in Europa zunächst für Textildekorationen genutzten Verfahren des Hochdrucks vom geschnitzten Holzstock und auf der sich zunächst in Italien nach arabischen Vorbildern ausbreitenden Papierproduktion - als Ersatz für das teure Pergament. Die erste deutsche Papiermühle wurde 1390 von Ulman Stromer in Nürnberg gegründet.

Die Nürnberger Ausstellung widmet sich mit Pilgerzeichen, Modeln und Druckstöcken sowie mit der auf Leinen gedruckten "Sittener Tapete" zunächst diesen handwerklichen Voraussetzungen, dann aber mehr und mehr dem immensen privaten Bildbedürfnis und der Religiosität dieses ausgehenden Mittelalters, in dem Formen und Inhalte der Frömmigkeit zur Privatsache werden konnten.

Lange Zeit wurden diese Einblattdrucke und grafischen Zyklen als Andachtsbildchen missverstanden. Tatsächlich aber dienten sie der Illustration von Gebetbüchern, von Schilderungen des Marienlebens oder der Passion, in die sie eingeklebt werden konnten, teils mit ebenfalls vom Stock abgezogenem Text - mehr als eine Generation vor Gutenbergs Druck mit beweglichen Lettern. In ihrer Schlichtheit und ihrem feierlichen Ernst, im grafischen Rhythmus der Konturen und mit ihrer unkomplizierten Farbigkeit eignete sich diese populäre Kunstform als Erinnerung an eine Wallfahrt oder für die Wiedergabe eines Lieblingsgebetes, für die Bitte um persönlichen Schutz durch einen bestimmten Heiligen oder für die Bestätigung eines Ablasses.

Vorbild für Expressionisten

Das Betrachten eines Bildes gab den Gläubigen Kraft und Zuversicht. Gern wurde Christophorus als Hilfe gegen einen jähen, nicht von den Sterbesakramenten begleiteten Tod bemüht. Der lateinische Vers unter seinem Bild zu einer Handschrift aus der Kartause Buxheim besagt daher: "Wann immer Du das Antlitz des Christophorus betrachtest, wirst Du fürwahr an diesem Tag keines schlimmen Todes sterben." Die Präzision dieses erzählerisch reichhaltigen Schnitts, sein perfekter Druck und die flächig differenzierte Kolorierung führten zur Berühmtheit dieses heute in Manchester bewahrten Blattes.

Nicht minder bekannt wurde die in frühen Holzschnitten sehr seltene Einzeldarstellung Christi am Kreuz aus dem Kloster Tegernsee. Zu den qualitätsvollsten Kompositionen zählt das Wiener Exemplar des "Heiligen Hieronymus mit dem Löwen" (um 1430). Neben den Präraffaeliten zeigten sich die Expressionisten fasziniert von den frühen Holzschnitten. Bereits als 18-jähriger Schüler entdeckte Ernst Ludwig Kirchner 1898 für sich im Germanischen Nationalmuseum diese Blätter.

Bis 19. März, Kartäusergasse 1, Katalog: 39,80 Euro, Tel. 0911/13 31-0.

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