Edgar Selge als Hirnforscher in Chris Kraus’ neuem Film „Poll“ hier mit Paula Beer, die seine Tochter spielt. Das Werk läuft am Donnerstag in den Kinos an. Foto: Verleih

Edgar Selge über den Film "Poll": „Ich war erst einmal erschlagen“

München - Er zählt schon seit langem zu den besten Schauspielern im deutschsprachigen Raum. Aber erst als „Polizeiruf"-Kommissar mit „abbem Arm" wurde er einem Millionenpublikum bekannt. Der Münchner Schauspieler Edgar Selge über den Film „Poll“, Gespür für Sprache, Einsamkeit und Vergänglichkeit

Er zählt schon seit langem zu den besten Schauspielern im deutschsprachigen Raum. Aber erst als „Polizeiruf“-Kommissar mit „abbem Arm“ wurde er einem Millionenpublikum bekannt. Doch die Rolle interessierte den in München lebenden Edgar Selge irgendwann nicht mehr. Er wandte sich wieder mehr dem Theater zu - und Kinoprojekten wie „Poll“, dem neuen Film von Chris Kraus.

"Poll“ spielt 1914 an der baltischen Ostseeküste. Ein anspruchsvolles historisches Drama. War Ihnen sofort klar, dass Sie da mitspielen möchten?

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, war ich erst einmal erschlagen. Weil ich die Dialoge sehr figurenscharf fand. Weil das Ganze einen hineinzieht wie ein Roman des 19. Jahrhunderts. Und weil die Geschichte ungeheure Brüche hat, wie man sie selten in einem Drehbuch lesen kann. Ich habe Chris Kraus umgehend angerufen und gesagt, dass mich „Poll“ brennend interessiert. Am nächsten Tag stand er in München auf der Treppe.

Es gab aber eine kleine Schwierigkeit...

Ja, ich war für den Zeitraum der Dreharbeiten im Sommer bereits verpflichtet. Für „Moses und Aron“ bei der Ruhrtriennale. Aber ich habe das dann abgesagt.

Warum?

Weil ich den Eindruck hatte, das hier ist wirklich mein Beruf, was ich da zu tun habe. Da hat jemand eine Fantasie für diese Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und für das Baltikum, worüber es nur wenige Filme gibt. Da hat jemand eine große Fantasie für die Pubertätszeit, für die Unbedingtheit, mit der man seine Träume verwirklicht. Da hat jemand ein ganz großes Gespür für Sprache und Genauigkeit, schließlich sind die Figuren sehr kompliziert zusammengesetzt. Wenn man das bemerkt, dann denke ich mir jedenfalls, den Menschen, der das geschrieben hat, den würde ich gerne kennenlernen und mit ihm zusammen an der Verwirklichung von so etwas arbeiten. Da ist alles klar, da muss man nur ,ja‘ sagen.

Sie mussten für den Film den Dialekt der Deutschbalten lernen. Wer spricht den heute noch?

Das ist in der Tat wie Schlesisch ein aussterbender Dialekt. Mein Vater war von 1938 bis 1942 in Ostpreußen, als Staatsanwalt in Königsberg, und hat später viele ostpreußische Geschichten erzählt. Daher war mir das aus der Kindheit noch im Ohr. Nun geht’s in „Poll“ ja aber ums Baltische, das war wiederum die Klassensprache zum ostpreußischen Dialekt. Baltisch wurde nur von den deutschen Gutsbesitzern und Akademikern gesprochen. Die Esten haben Estnisch gesprochen, die Russen Russisch. Diese babylonische Sprachverwirrung, die im Film zu sehen ist, die gab es wirklich. Wir hatten dazu eine Sprachlehrerin engagiert, die Enkelin einer baltischen Familie.

Vor zwei Wochen erhielten Sie für Ihre Interpretation des Ebbo von Siering den Bayerischen Filmpreis.

Mich hat das wirklich überrascht, zumal ich ja den Antagonisten spiele.

Hätte eine Figur wie Ebbo auch in München oder Berlin leben können?

Er ist vor allem mit der Zeit verbunden. Mit dieser Zeit vor 1914. Die eugenische Hirnforschung existierte bereits Jahre vor Beginn der Nazizeit. Die besten Hirnforscher betrieben sie genau so. Dieser Mann aber ist so fanatisch, dass er keinen Lehrstuhl bekommen hat. Er geht noch einen Schritt weiter als seine Kollegen, in der Suche nach der „Drüse des Bösen“ zum Beispiel. Ich glaube schon, dass man sich den in einer Großstadt vorstellen könnte. Aber dieser ostpreußische Dialekt, der macht die Menschen auch weicher und liebevoller. Der deckt viele Schärfen, Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten zu.

Hat Sie diese Zwiespältigkeit am meisten gereizt?

Das ist eine sehr einsame Figur, die mich von ihrem Unglück her interessiert hat. Ich habe mich über das Leid, das in diesem Menschen sichtbar wird, der Figur genähert. Der ist doch in meinem Alter, ein bisschen über 60 Jahre, und wenn er jetzt keinen Lehrstuhl erhält, dann wird er den Rest seines Lebens in seinem eigenen Labor vor sich hinwursteln, trotz seiner großen Begabung. Dazu kommt, dass seine Frau ein Verhältnis mit dem Verwalter hat, und seine Tochter, die er abgöttisch liebt, geht einen völlig anderen Weg. Es gibt überhaupt in diesem Film lauter einsame Schicksale, die auf ihren Endpunkt zutreiben und die sich teilweise berühren. Da, wo sie sich berühren, verschlimmert sich das gegenseitige Unglück.

Ist das das Aktuelle an „Poll“?

Ich glaube, der ganze Film hat eine große Allgemeingültigkeit. Als Metapher für Vergänglichkeit. Dass wir unser gesamtes Leben lang vom Tod bestimmt sind. Dass wir uns ins Nichts auflösen, das ist gewissermaßen die Überschrift dieses Films. Das betrifft die gefilmte Tierwelt, die Käfer oder den Frosch, das betrifft diese Stichflamme ungeheurer Liebe, die Ebbos Tochter trifft. Übrig bleiben ein paar Gedichtzeilen, aber sogar die gibt es heute in keinem Buch mehr zu kaufen. Und das Baltikum selbst ist ebenfalls ein Symbol der Vergänglichkeit.

Das Gespräch führte Ulrike Frick.

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