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Auf dem Höhepunkt des Erfolgs hört Edgar Selge auf.

Polizeiruf 110:

Edgar Selge: „Vielleicht werde ich Filmstar“

München - Edgar Selge wurde in der Rolle des einarmigen Kommissars Jürgen Tauber im Münchner „Polizeiruf 110“ zum Star. Auf dem Höhepunkt des Erfolgs hört der 61-Jährige auf.

Edgar Selge ist in der Münchner Theaterszene schon seit 30 Jahren ein Begriff – aber zu einem bundesweit bekannten Star wurde er erst, als er bereits über 50 war. In der Rolle des einarmigen Kommissars Jürgen Tauber im Münchner „Polizeiruf 110“ wurde er mit Preisen überhäuft.

Kultserie Polizeiruf 110 - der Abschied

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Nun hört der 61-Jährige auf dem Höhepunkt des Erfolgs auf. Am Sonntag läuft im Ersten um 20.15 Uhr die letzte „Polizeiruf“-Folge mit Selge und Michaela May in der Rolle von Taubers Kollegin Jo Obermaier. Die Episode trägt den vielsagenden Titel „Endspiel“.

Herr Selge, weshalb steigen Sie trotz guter Quoten, hervorragender Kritiken und unzähliger Auszeichnungen aus?

Weil man mit allen Dingen im Leben aufhören muss. Mit dem Leben selber ja auch. Ich finde, es ist eine Herausforderung nach diesen 17 Filmen – die sehr gut gelaufen sind – zu begreifen, wie es sich lebt ohne den „Polizeiruf“. Ich verlasse eine ideale Arbeitssituation. Der Bayerische Rundfunk hat mich in die Entwicklung der Stoffe einbezogen. Unsere Redakteurin Cornelia Ackers und ihre Chefin Bettina Reitz haben uns immer nach unserer Meinung gefragt, und wir durften eigene Vorschläge machen. So wie man es sich wünscht. Aber ich wollte wissen, ob ich ohne „Polizeiruf“ funktioniere. Beruflich und innerlich. Nach 20 Jahren an den Münchner Kammerspielen habe ich dasselbe ja schon mal gemacht.

Der „Polizeiruf“ hat bewiesen, dass anspruchsvolles Fernsehen erfolgreich sein kann. Wieso gibt es nicht mehr davon?

Wir Deutschen tun uns schwer damit, uns über uns selbst lustig zu machen. Und auch mit Figuren, die Abgründe haben. Obwohl wir eine Nation sind, die mit Abgründen ganz viel zu tun hat. Vielleicht hängt das ja alles miteinander zusammen. Deswegen glaube ich, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen dem Hang des Zuschauers zur Bequemlichkeit entgegen arbeiten muss.

Die letzte Folge ist ganz bewusst als Finale gesetzt. Ihre Idee?

Das weiß ich nicht. Mein Vorschlag war einfach, einmal eine Männergeschichte zu zeigen. Den Tauber wieder jung werden zu lassen, durch einen Mann verführbar zu machen – das hat bislang gefehlt. Dass das nicht aufgeht und Tauber in seinen Selbsthass zurückgeworfen wird, gefällt mir gut. Alles andere ist das Werk des Autors und des Regisseurs.

Die einzelnen Folgen sind sehr unterschiedlich. Macht es das schwieriger, eine Figur aufzubauen?

Nein, mir hat das gefallen. Die Vorgabe vor jeder Folge war immer: Alles auf Null! Für mich ein großer Vorteil, weil ich mich nicht gerne wiederhole. Ich bin beim Drehen kein toller Wiederholer. Eigentlich eine Qualität, die ein Schauspieler haben sollte. Aber ich erfinde gerne neu. Ich brauche die Illusion der Spontaneität.

Trotzdem mussten Sie diesen Jürgen Tauber ja irgendwie anlegen.

Ja. Tauber ist letztlich ein Romantiker, auch was das Zerstörerische betrifft. Deswegen brauchte er eine Partnerin, die ganz anders ist. Anders als Frauenfiguren in Krimis sonst sind. Und Michaela May als Jo Obermaier ist diese Figur. Eine Altachtundsechzigerin, die bei der Polizei hängen geblieben ist und mit einem untrüglichem Gespür für Gerechtigkeit . Im Grunde eine Figur, die jeder von uns gerne sein würde. Das ist die Folie, die überhaupt erst ermöglicht, was der Tauber sich erlaubt.

Wie wichtig war es, dass Tauber nur einen Arm hatte?

Existenziell wichtig. Die Einarmigkeit zwingt zur Unsentimentalität. So jemand kann nicht jammern über die Ungerechtigkeit der Welt oder die eigene Befindlichkeit. So einer muss nach vorne gehen. Irgendwohin, aber nicht in die Gefühligkeit. Außerdem führt die Einarmigkeit dazu, dass man schauspieltechnisch agiler wird. Man bekommt ein anderes Körperbewusstsein, weil man sich anders bewegen muss. Und das hat mir gut getan, weil ich eher ein Sprachmensch bin.

Vor dem Polizeiruf galten Sie als Theatermensch. War die Umstellung auf Fernsehen schwierig?

Das ist ein ganz anderes Medium, das muss man einfach sagen. Vor der Kamera gibt es eigentlich nichts zu spielen. Man muss einfach Situationen empfinden und aushalten, dass die Kamera dabei zusieht. Das ist wahnsinnig anstrengend. Aber ich habe es gerne gemacht, weil ich sonst nicht besetzt worden bin. Plötzlich hatte ich eine Hauptrolle im Fernsehen. Das hat mir sehr geholfen und ich bin sehr dankbar dafür.

Und was machen Sie nach dem „Polizeiruf“?

Vielleicht werde ich Filmstar. (Langes Lachen.) Ich hatte das Glück, dieses Jahr einige Filme zu drehen. Ich würde gerne mehr Kino machen. Komödien vielleicht. Und ansonsten plane ich Projekte am Theater. Zum Beispiel über Selbstgespräche.

Das Gespräch führte Zoran Gojic.

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