Ego, Eros und Tod

- Die Liebe liegt dicht beim Tod, das eigene Selbst nahe der Zerstörung: Die menschliche Existenz ist genial gebündelt in ein paar Linien. Egon Schiele und Horst Janssen wurden für diese Kunststücke geächtet. Jeder galt als exzessiver, depressiver, erotomanischer Bürgerschreck. Beide agierten absolut anachronistisch: Schiele war mit seinem spartanischen Expressionismus und seiner Härte dem Jugendstil weit voraus. Janssen überholte das Informel mit einer barocken, burlesken, dennoch morbiden Gegenständlichkeit. Erstmals werden die grafischen Arbeiten der beiden Seelenverwandten gegenüber gestellt: Das Leopold Museum Wien kreist in einer eigenwilligen, aufschlussreichen und unheimlich faszinierenden Schau um die drei zentralen Themen "Selbstinszenierung - Eros - Tod".

<P>Schiele starb 1918 mit 28 Jahren an der Spanischen Grippe. Der frühe Tod des Vaters, die wilde Ehe mit Wally Neuzil, eine grundlose Unzuchtsanklage in der prüden Provinz prägten seinen fragilen Charakter. Bis in die 70er-Jahre hinein galten seine Frauenakte als pornografisch. Janssen wurde elf Jahre nach Schieles Tod geboren und traf erst spät auf dessen Werk. Drei gescheiterte Ehen und unzählige Liebschaften trugen zu seinem (Ver-)Ruf bei. 1995 starb er als Alkoholiker an den Folgen eines extremen Lebensstils.<BR><BR>Schiele sensibel, introvertiert, zart, mit großen Rehaugen. Der "Selbstakt in Grau mit offenem Mund" (1910) ist ein hageres, kantiges, schonungsloses Bild. Klare Linien, zurückhaltende Farbigkeit vermitteln ein Ausgesetzt-Sein, auf den Punkt gebracht bei einem nackten Neugeborenen (1910). Das stehende nackte Mädchen mit überknielangen roten Strümpfen (1914) hat die gleiche Direktheit. Liegende und Liebende, realistisch skizziert, wirken eigenartig melancholisch.<BR><BR>Janssens Frauen sind seltsam abwesend, selbst in eindeutigen Posen, in albtraumhaften Blättern. Zeichnungen und Aquarelle mischen grazile, lyrische bis brodelnde Linien mit sanften Farbflächen zu einem Hexenkessel gewaltträchtiger Erotik. "Bettina" widmete er einen Radierzyklus, der in aller Jugendstil-Eleganz die späteren Totentänze vorwegnimmt (1970er-Jahre). <BR><BR>Immer wieder umarmen sich das junge Leben und das Skelett. In "Hanno's Tod" porträtierte Janssen seinen Zerfallsprozess: Körperliche und zeichnerische Auflösung entsprechen einander. Mit feinster Technik und harten Themen erweist sich Janssen als Meister des Gegensatzes. "Paranoia" (1982), das Gesicht von der eigenen Hand zerteilt, wirkt wie ein Motto. Die zwei Seelen des Künstlers, zwischen Poesie und Destruktion. <BR><BR><BR>Bis 28. Juni, <BR>Katalog: 18,50 Euro, <BR>Tel. 0043/ 1/ 52 57 00.<BR></P>

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