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Egon Schiele – hier sein Selbstporträt „Rufender“ (1911) – entwickelte den Diagnose-Scharfblick eines Arztes, sah sich aber zugleich auch als Kranken.

Egon-Schiele-Schau: Bis zum eigenen Tod

München - Die Ausstellung „Egon Schiele – Das unrettbare Ich“ im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses zeigt einen Querschnitt aus seinem enormen Schaffensreichtum. Ein Text über den Künstler und sein medizinisches Auge.

Egon Schiele (1890–1918) wurde nur 28 Jahre alt. Er starb an der „Spanischen Grippe“, die ab 1918 über den Globus raste. Die Ausstellung „Egon Schiele – Das unrettbare Ich“ im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses (wir berichteten) zeigt einen Querschnitt aus seinem enormen Schaffensreichtum. Es ist vor allem der unverstellte Blick auf die Person, der durch diese Bilder deutlich wird. Schiele arbeitet mit Bleistift – sehr zart etwa das Bildnis der Tänzerin Moa von 1911 mit dem verführerisch lockenden Gesichtsausdruck –, Kreide, Tusche, Aquarell- und Ölfarben, doch die Art, wie er durch Weglassen oder Verkürzung der Striche seinen Körpern Raum gibt und auf dem Blatt die dritte Dimension erzeugt, muss man gesehen haben (diese Zeitung ist der Medienpartner).

Schiele wirft dabei ein unbestechlich genaues Auge auf den Zustand seines Gegenübers, ja er hat beim Porträtierten geradezu die diagnostische Sicht eines Arztes. Die Doctores waren in den Zeiten vor der Apparatemedizin gezwungen, ihre Patienten scharf ins Auge zu fassen, um die Krankheit an der Physiognomie und Körperhaltung des Ratsuchenden abzulesen. Anhand dieses Eindrucks nahmen sie im Augenblick der Konsultation eine Diagnose vor. Vor der Ära der Fotografie lernten die Medizinstudenten die Kunst der Analyse anhand von Zeichnungen, also von Kunstporträts, die auf die Wiedergabe der Symptome spezialisiert waren. Es gab an jeder Universität sogenannte medizinische Bilderbögen mit Kranken. Jene waren ein eigener Erwerbszweig für Künstler, vor allem für Zeichner.

Vergleichbar dazu sind Schieles Bildnisse und Selbstporträts pointierte Abbildungen des Seelen- und Gesundheitszustands der von ihm Gesehenen; in der Schau sieht der Besucher all die Kauernden und Verkrampften. Das geht so weit, dass einige Mediziner heutzutage bereits den erfolgreichen Versuch gemacht haben, postum den Gesundheitszustand einiger von Schiele porträtierter Persönlichkeiten zu rekonstruieren: in München etwa Georg E. Vogel (TU; „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“). Eine Forschergruppe um Joel Katz in Havard hat sich eher auf Monet und Gauguin spezialisiert.

Nicht auszudenken, was Schiele, dieser fruchtbare Künstler, hätte noch alles vollbringen können, wäre ihm eine längere Lebenszeit vergönnt gewesen. Doch nur drei Tage nach seiner schwangeren Frau Edith starb auch er an einer schrecklichen Pandemie, die zwischen den Jahren 1918 und 1920 weltweit mehr als 25 Millionen Menschen dahinraffte. Nach Rechnungen aus dem Jahr 2002 sollen es sogar über 50 Millionen Tote gewesen sein, darunter die meisten in der Altersgruppe zwischen 20 und 40 Jahren. Diese Krankheit forderte damit weit mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg, der nach allgemeiner Schätzung circa siebzehn Millionen Menschen das Leben kostet.

Schiele fiel der sogenannten „Spanischen Grippe“ oder „Influenza“ zum Opfer. Diese war damals in Österreich als Todesursache so unbekannt, dass sich die zuständigen Landesbehörden sogar darüber stritten, ob sie die ungewöhnlich hohe Zahl der Influenza-Sterbefälle in der Statistik der Kategorie „Lungenentzündung“ oder den „anderen Infektionskrankheiten“ zuordnen sollten. Im Herbst 1918 war die Krankheit wie eine Welle über alle Landstriche der k.u.k.-Monarchie hinweggerollt. Ein paar Monate später war sie in den betroffenen Gebieten völlig verebbt und ließ wieder „normale“ Ergebnisse zurück. In Wien einigten sich die Ärzte nach längerem Hin und Her schließlich auf die Todesursache „Lungenentzündung“ und konstatierten im Jahr 1918 4283 männliche und 4896 weibliche Opfer für die österreichische Kaiserstadt (Quelle: Bundesamt für Statistik, Wien 1923/ Bibliothek des Bayerischen Landesamts für Statistik und Datenverarbeitung).

Eines von den 4283 männlichen Opfern der Epidemie war Schiele. Der vom Malen Besessene hielt auch das Bild seiner Frau auf dem Totenbett fest (es ist kein Bestandteil der Ausstellung). Schieles letztes Werk ist ein Dokument seiner großen Beobachtungsgabe, das die Symptome der „Spanischen Grippe“ – schräge Kopfhaltung, verengte Augen, verzogenes Gesicht mit zahlreichen Falten und Muskelverspannungen – genau abbildet. Drei Tage später, am 31. Oktober 1918, ist auch er tot.

Bis 4. März

täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, Tel. 089/ 233 320 00; Katalog, Wienand Verlag: 32 Euro.

Von Hildegard Lorenz

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