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Kinder waren eines der bevorzugten Motive von Egon Schiele, der sich ihnen mit Respekt widmete; hier die raffiniert komponierte „Gruppe von drei Mädchen“.

Egon Schiele trifft ins Herz

München - Egon Schieles Werke waren schon über 20 Jahre nicht mehr in München zu sehen. Ab 3. Dezember widmet ihm das Lenbachhaus im Kunstbau am Königsplatz eine opulente Schau.

Da sind zwei Stühle, von hinten dargestellt. Über dem rechten Möbel hängt ein blaues Tuch. Rechts oben im Blatt sind nur noch die Füße eines Gestells zu erkennen. Rechts unten aber der große Satz in Egon Schieles jugendstiliger Druckschrift: „Kunst kann nicht modern sein; Kunst ist urewig.“ Schiele (1890-1918) saß in jenen Tagen des Jahres 1912 im Gefängnis. Die Anschuldigung, sich an Minderjährigen vergriffen zu haben, war schnell in sich zusammengefallen, „die Verbreitung unsittlicher Zeichnungen“ wurde dennoch geahndet. Natürlich waren die Akte des Künstlers damals ein Affront – selbst für sinnenfrohe Freunde von erotischen Formen. Noch heute erschüttert den Betrachter das existenzielle Aufgerissen-sein in der Darstellung. Freud mit seiner These von der Urkraft der Libido lässt grüßen.

Dass bei der Ausstellung „Egon Schiele – Das unrettbare Ich“ (diese Zeitung ist der Medienpartner) stets die Ära der vorletzten Jahrhundertwende mitgedacht, miterspürt wird, macht der Kunstbau auch optisch deutlich. Die Wände bekommen durch Folien einen schwarz-weißen Sockelbereich. Weiter oben geben weitere Muster der Fläche Halt. All das in dem geometrischen Jugendstil-System von Adolf Meyer, einem Mitarbeiter von Walter Gropius. Während der Jugendstil eine Tür zur Moderne öffnete, explodierte die Weltvorstellung. In Stichworten: Relativitätstheorie (Einstein), Psychoanalyse (Freud). Raum, Zeit, das Ich schienen sich aufzuweichen. Das k.u.k.-Reich zerstörte sich im nationalistischen Wahn. Alte Hierarchien zerbröckelten. In diesem Umfeld tasteten sich Künstler von Schnitzler bis Schönberg, von Hofmannsthal bis Schiele vor und versuchten, den Umbruch zu reflektieren, um ihr Weltmodell zu entwickeln.

Bei Egon Schiele, der 1906 an die Wiener Kunstakademie ging und bald Gustav Klimt kennenlernte, funktioniert das durch einen starken Bezug zur Natürlichkeit. Deswegen seine innere Nähe zu Franz Marc und zum „Blauen Reiter“ (Schiele besaß den Almanach). Sicher, der Österreicher übersah weder Vatermörder noch Spitzenkrägelchen, weder Gehrock noch eleganten Hut – da ist er genau in der damaligen Zeit zu verorten. Parallel dazu reißt er die Menschen aus ihren kulturellen Maskeraden und zeigt sie als Naturwesen: im Schlaf, im Schmerz oder sexuell aufgeladen. Selbst wenn sie noch Kleidungsstücke oder Tücher um sich haben, könnten das Tiere sein. Schiele bricht Tabus: Homosexualität, Selbstbefriedigung, aufkeimende Sexualität bei Kindern. Das mag aufregen oder faszinieren. Viel beunruhigender ist freilich eine andere Tabuverletzung: die Verwischung der Grenze zwischen Mensch und Tier.

Konsequenterweise zeigt der Künstler nie Tiere – Pflanzen schon. Sie setzt er genauso in Szene wie Menschen, betonen Kuratorin Helena Pereña und Lenbachhauschef Helmut Friedel. Deswegen sind im Kunstbau in unmittelbarer Nachbarschaft Chrysanthemen und ein Frauenkopf (Edith Schiele) zu sehen. Hier ein lockerer Blütenblätter-Wuschel auf grünen Blättern, dort eine Löckchen-Hochfrisur auf rotem Stehkragen. All das setzt den Menschen nicht herab, sondern zollt jeder Wesenheit höchsten Respekt. Den Betrachter bewegen am meisten die Menschen-Bildnisse, die Schiele in unnachahmlich tiefschürfender Weise schuf. Er setzt Pathosformeln genauso aufrichtig die Wahrheit suchend ein wie völlige Banalitäten; man denke an die oben erwähnten Stühle. Unter den Menschendarstellungen ragen die Selbstbildnisse und die Kinderbilder heraus. Wenn Schiele die Kleinen mit seinem genialen Aquarellpinsel umspielt, ihre Eigenheiten modelliert, ihre Individualität würdigt, geht einem das Herz auf. Auch sie bindet er in seine künstlerischen Experimente ein: Die Gruppe von drei Mädchen zum Beispiel fügt er zu einem einzigen rundlichen Wesen mit drei Köpfen, vier Händen und Füßen zusammen. Ein hinreißendes Kuschel-Sinnbild.

170 nachgewiesene Selbstporträts gibt es von Egon Schiele. Sie durchsetzen die gesamte Präsentation im Kunstbau. Der Maler arbeitete dabei sogar mit Fotografen, stilisierte sich bei den Aufnahmen – den Bildern entsprechend – als Existenz-Grübler mit den typisch verkrampften Hand-/ Fingerhaltungen. All das bricht viel aufregender aus den Blättern hervor, etwa in der Dreier-Kombi des Schreienden im weißen Hemd, dem Denker in Orange oder dem Dandy mit blauem Stirnband. Dabei beweist Schiele durchaus eine gute Portion Selbstironie. Gerade bei diesem Blatt wird eine spezielle Strategie Schieles extrem deutlich: das Weglassen. Das Nichts und das Hervorgehobene, das Vereinzelte ergänzen sich plötzlich auf einzigartige Weise.

Zusammen mit Gedichten, Briefen und Büchern erzählt die Schau von einem Egon Schiele, der keine Skandalnudel war, sondern ein durchdacht agierender Künstler, der viele gute Verbindungen besaß. Was nicht ausschloss, dass er ein genialer, singulärer Vordenker der Moderne war: Klischee gebrochen!

Von Simone Dattenberger

Infos zur Schau

Ort: Kunstbau, U-Bahnhof Königsplatz.

Öffnungszeiten: 3.12. bis 4.3., Dienstag bis Sonntag und Feiertage 10-18 Uhr. 24. Dezember geschlossen.

Preise: inklusive Audioguide dt./engl. 8 Euro, ermäßigt 4 Euro; freier Eintritt für Personen unter 18 Jahren.

Telefon: 089/ 233 320 00.

Katalog: Wienand Verlag, 32 Euro im Museum.

Kinder: KuKi – Familienschatzsuche mit Malen für Kinder ab 8 Jahren, 10. Dezember, 14. Januar, 3. März ab 11 Uhr, 2 Euro; bitte anmelden unter 089/ 361 081 71, Mail: schatzsuche@kuki-muenchen.de.

Klassen: www.mpz.bayern.de.

Führungen: Kuratoren 6. Dezember, 18 Uhr, Helena Pereña; 10. Januar, 18 Uhr, Felicia Rappe; 17. Januar, 18 Uhr, Karin Althaus; 21. Februar, 18 Uhr, Helmut Friedel; 28. Februar, 18 Uhr, Matthias Mühling. Führungen durch die Münchner VHS jeden Freitag und Samstag, 16 Uhr, sowie Sonntag, 11 Uhr www.mvhs.de.

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