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Klänge aus höchsten Höhen: In der Frauenkirche wird im Mai „Das Liebesmahl der Apostel“ aufgeführt, das Wagner einst für den Prachtbau mit seinen Emporen und Kuppel-Balkonen schrieb.

Richard Wagners 200. Geburtstag

Ehre für den Barrikadenkämpfer

Dresden - Zwischen Gralsritter, Apostelmahl und nächtlicher Party: So feiert Dresden das Wagner-Jahr.

Bayreuth, nun gut. Das ist quasi das natürliche Mekka, also auf Rang eins aller weltweiten Wagnerwunderstädte. München, immerhin, darf sich auch schmücken. Mit den Uraufführungen von „Die Feen“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“, „Rheingold“ und „Walküre“ sowie einem in Richard verliebten Märchenkönig, dem darob die Börse locker saß.

Und trotzdem gibt es da noch eine andere Metropole, die heuer, zum 200. Geburtstag des Meisters, so richtig aufdreht. Dabei wurde Dresden zum Trauma Wagners. 1849 war das, als er – nach eigenen (geschönten?) Angaben – auf den Barrikaden des Mai-Aufstandes kämpfte und als steckbrieflich Gesuchter Richtung Schweiz floh. Die großen Musikdramen entstanden nach diesem Einschnitt, folglich widmet sich Dresden dem „jungen Wagner“. Und im Zentrum immer das größte Musikpfund der Stadt, Christian Thielemann.

Gerade hat der Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle in der Semperoper seinen ersten Wagner dirigiert. „Lohengrin“, ein Ereignis, für das eine rund 30 Jahre alte Inszenierung von Christine Mielitz reanimiert wurde. Ein Blick ins Regie-Museum bietet die Produktion – und doch auch manch Bedenkenswertes. Entscheidenderes tut sich aber im Graben. Egal, was der Chef von der Staatskapelle verlangt: Die Musiker sind wie warmes Wachs in den Händen Thielemanns. Ein „Lohengrin“ fernab vieler Klischees. Nachdenklich, mit vielen Momenten des Innehaltens, eher im Piano-Bereich angesiedelt, lyrisch, abgründig, ohne billiges Blech-Gepränge. Auf der Bühne dominiert Soile Isokoski das Geschehen, ihre gestalterische Intelligenz springt einem aus jedem Sechzehntel, jeder Geste entgegen. Die übrigen Rollen sind mit Robert Dean Smith (Lohengrin), Kwangchul Youn (König), Wolfgang Koch (Telramund) und Jane Henschel (Ortrud) ebenfalls hochklassig besetzt.

Für Thielemann bedeutet das Wagner-Jahr gerade in Dresden Großkampf-Zeit. In den Geburtstags-Programmen greift er zurück auf ein Werk, das – wie mancher findet zu Recht – ein Schattendasein fristet. „Das Liebesmahl der Apostel“, eine biblische Szene für Männerchor und Orchester, nimmt manches aus dem „Parsifal“ vorweg und wird am 18. Mai an jenem Ort aufgeführt, für den es geschrieben wurde: in der Frauenkirche. Populäreres dann am 21. Mai, am Vorabend von Wagners Geburtstag, wenn Jonas Kaufmann mit Thielemann in der Semperoper konzertiert. Danach wird reingefeiert in den Geburtstag, am nächsten Tag ist Thielemann schließlich beim Bayreuther Jubiläumskonzert gefragt.

Für Wagner brachten die Dresdner Jahre den Karriereschub. Hier war er ab 1843 Königlich-Sächsischer Hofkapellmeister (also ein Vorgänger Thielemanns), hier wurden „Rienzi“, „Fliegender Holländer“ und „Tannhäuser“ uraufgeführt. Hier begann er auch mit dem „Lohengrin“, der dann aber in Weimar das Licht der Opernwelt erblickte. Und hier wurde die Freundschaft mit Franz Liszt vertieft, der zu einem großen Fürsprecher wurde – und zu seinem späteren Schwiegervater.

Nicht nur auf klingende Weise gedenkt Dresden Richard Wagners. Das Albertinum sowie die Gemäldegalerien Alte und Neue Meister bieten Themenführungen an, Thomas Quasthoff rezitiert am Geburtstag im Schauspielhaus aus dem literarischen Nachlass, die Semperoper veranstaltet im September ein Kolloquium, zudem gibt es Rundgänge und -fahrten zum Thema Wagner. Ein prall gefülltes Programm also, mit dem die sächsische Hauptstadt noch mehr Touristen als sonst an die Elbe locken dürfte. Der Slogan, der sich übers Jahr spannt, ist daher nur folgerichtig: „Dresden. Ganz große Oper“.

Von Markus Thiel

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