Ehre dem Meisterwerk

- Mit zwei Trippelschritten hat er sich zur Oper vorgetastet - und ist dabei stets auf dem Mozartweg geblieben. 2001, abseits der dortigen Festspiele, mit "Don Giovanni" im Bregenzer Theater am Kornmarkt. Danach mit einer konzertanten "Zaide", für die Tobias Moretti Verbindungstexte entwickelte und die Worte selber vortrug. Am Pult stand Nikolaus Harnoncourt. Und der sollte nun auch Mentor werden für das erste große Projekt: "La finta giardiniera" (Die Gärtnerin aus Liebe) am Opernhaus Zürich. An jenem Theater also, das durch Harnoncourts legendäre Aufführungen die höheren Klassik- und Barock-Weihen empfing.

Wieder ein Quereinsteiger à la Dörrie & Co. also? Das stimmt so nicht: Publikumsliebling Tobias Moretti, obgleich früher Mitglied der Münchner Kammerspiele und 2005 als König Ottokar Schauspiel-Dominator der Salzburger Festspiele, kehrt damit zu den Wurzeln zurück. Begonnen hat der Tiroler nämlich als Kompositionsstudent an der Wiener Musikhochschule, wie seine biografischen Angaben berichten, die zwar TV-Sternstunden wie "Speer und Er" gelten lassen, Renner wie "Kommissar Rex" indes verschweigen.

Und dass Moretti auf Mozart hören kann, sieht man der Zürcher Produktion an. Es ist ja eine Mär, der Komponist habe hier ein abstruses Verwechslungsstück vorgefunden und es durch seine Musik gerade noch vor dem Totalschaden bewahrt. Mozart denunziert nicht, er meint es ernst. Und Moretti, anders als gerade Doris Dörrie in Salzburg oder Christian Pöppelreiter in München, ebenfalls. Vielleicht sogar zu ernst.

Denn statt mit Gags oder flachdimensionalen Typen zu blenden, geht Moretti das Risiko ein: Er will seine Figuren verstehen. Er will zeigen, warum sie sich nicht erkennen, warum sie vorübergehend in den Wahnsinn driften. Und er wirbt damit, was zutiefst mozärtlich ist, um Sympathie. So ist etwa Don Anchise nicht der übliche gockelnde Dorfvorsteher, sondern - wunderbar dargestellt von Rudolf Schasching - ein verschämt-liebestoller Bär. Und Belfiore, der seine Braut immerhin töten wollte, ein Geheimnisumwehter in gespreizten Posen, bei dem die Umnachtung nur einen Millimeter vom Normalzustand entfernt liegt. Was Christoph Strehl mit kernigem, nie säuselndem Tenor für eine glaubhafte Charakterstudie nutzt.

Rolf Glittenberg hat dafür ein beziehungsreiches Bühnenbild ersonnen. Alles spielt im Innenhof einer modernen Architektur. Im zweiten Stock wuchert das Grün, unten künden verdorrte Zweige, in denen man sich gern verheddert, von Verkümmerung. Gezüchtet werden nicht duftende Blütenträume, sondern Kakteen der Spezies Schwiegermutter-Sitz.

Moretti lässt das Personal mit dem Instinkt des Theatermannes aufeinander treffen. Und benutzt zwischen den Arien, was noch mehr Schauspiel-Momente ermöglicht, eine Mischfassung aus Rezitativ und Sprechtext. Schöne, intensive Zweiermomente gelingen da mit genauer, ganz unopernhafter Gestik. Morettis Purismus provoziert indes auch Durchhänger, Situationen, die das Stück letztlich überfordern - und nach einer offensiveren Regie verlangen.

Deutlich wird dennoch: Die "Finta" ist keine Spielwiese des 19-jährigen Mozart, sondern weist voraus auf "Così`" und "Figaro". Dirigent Harnoncourt wusste das natürlich längst. Seine Interpretation mit dem Ensemble "La Scintilla" ist geschärfter als seine frühere CD-Aufnahme. Er kostet Effekte noch mehr aus, legt die Mirakel der Partitur offen, ohne zu sezieren. Dass der Klang federt, mit Überraschungseffekten, Farbkontrasten und hinreißenden Instrumentalmischungen aufwartet, dass jeder Takt erfüllt musiziert wird, versteht sich bei diesem Maestro von selbst.

Hinzu kommt, dass alle Partien so adäquat besetzt sind, wie es in dieser Güte fast nur in Zürich passieren kann. An der Spitze Eva Mei als gar nicht piepsige, eher gereifte, manchmal unterkühlte "Gärtnerin" Sandrina. Auch wenn die Produktion also an gelegentlichen Durststrecken krankt: Der Beweis, dass die "Finta" zu den Meisterwerken aufschließt, wurde erbracht. Die Gedenkmetropole Salzburg mag's wurmen - zum Auftakt des Mozartjahres wurde ihr glatt die Schau gestohlen.

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