Ehrenmorde: Türkisches Kino greift Tabus auf

- Eine bezaubernde, mit Truffaut-Touch überaus elegant inszenierte Dreiecksgeschichte und eine Paparazzi-Komödie sind die Sieger beim Filmfestival von Istanbul: "Reprise" vom Norweger Joachim Trier und Tom DiCillos "Delirious" haben die Goldene Tulpe gewonnen. In einem starken Wettbewerb überzeugten die beiden Filme die Jury, in der unter dem britischen Präsidenten und Regisseur Michael Radford unter anderem der deutsche Schauspieler und Fassbinder-Star Udo Kier mitentschied.

Auch sonst belegten die drei Wettbewerbe während der vergangenen 14 Tage, dass sich Istanbul, 2007 erstmals von der neuen Leiterin Azize Tan kuratiert, weiter mausert: Zwei deutsche Filme, Chris Kraus‘ "Vier Minuten" und "Strajk" von Volker Schlöndorff, die hier neben einer eigenen Reihe mit jungen deutschen Filmen liefen, gingen zwar bei den Preisvergaben leer aus. Doch zeigten diese Werke wie die Reaktionen des überaus aufgeschlossenen Publikums die Breite des Interessensspektrums. Es galt auf der anderen Seite nicht minder anspruchsvollen Autorenfilmern wie dem Taiwanesen Ming-liang Tsai und dem Amerikaner Gus Van Sant ("My Own Private Idaho", "Elephant"), dem neben Rainer Werner Fassbinder und Pier Paolo Pasolini die zeitgenössische Retrospektive gewidmet war.

Vor allem reist man aber natürlich nach Istanbul, um mehr über die Türkei und das türkische Kino zu erfahren. Seit Jahren gehören einige Istanbuler Regisseure, allen voran Nuri Bilge Ceylan, der mit "Uzak" 2003 in Cannes den Großen Jury-Preis gewann, zu den Stammgästen internationaler A-Festivals. Auch diesmal gingen im nationalen Wettbewerb die Hauptpreise an die Kritikerlieblinge Ceylan - für sein gleichfalls in Cannes uraufgeführtes Ehedrama "Climates" - und Zeki Demirkubuz. Dessen "Destiny" behandelt eine unglückliche Liebesgeschichte.

Doch auch jenseits der ganz bekannten Namen gibt es eine Reihe hochinteressanter Regisseure. Auffällig viele Filme entdecken den zurückgebliebenen Osten neu fürs Kino - inklusive dessen Schattenseiten. So war die Dokumentation "Requiem for Women" von Önder Özdem einer der ersten türkischen Filme, der das Thema Ehrenmorde ins Zentrum stellt - klug und stilistisch interessant, jenseits von Sensationslust verschiebt er die Perspektive auf die sozialen Umstände einer zurückgebliebenen Region.

Auch ein anderes Tabu wurde in mehreren Filmen thematisiert: der Militärputsch des Jahres 1980. Einerseits befreite er das Land zwar aus politischem Chaos, doch erkauft wurde diese Rettungstat mit Mord, Folter und anderem Unrecht, dem Tausende zum Opfer fielen.

Während das Politdrama "Zinzibosan" von Atil Inaç die Vorgeschichte der Diktatur seit der Zypernkrise 1974 erzählt, handelt "Home Coming" von Ömer Ugur, von Folter und dem nachfolgenden Trauma. Die Deutschtürkin Sibel Kekilli ("Gegen die Wand") spielt eine der Hauptrollen in dem gelungenen Melodram - ein Beweis dafür, dass das türkische Kino, jenseits aller EU-Verhandlungen, längst in Europa angekommen ist.

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