Ehrentafel für die Bürger

- Die Münchner Pinakothek der Moderne wird am 16. September eröffnet. Danach dürfen die Besucher bis 22. September gratis das Haus besichtigen (10-23 Uhr). Die Staatsgalerie moderner Kunst, das Design-Museum "Die Neue Sammlung", das Architekturmuseum und die Graphische Sammlung können in dem Neubau von Stephan Braunfels endlich zeigen, welch gewaltiges Potenzial sie besitzen. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Auch Carla Schulz-Hoffmann, seit langem Chefin der Staatsgalerie, die den größten Teil der neuen Pinakothek füllt, seufzt: "Es ist noch viel zu tun." Mit diesem Interview endet unsere Reihe über das Museums-Quartett in der Pinakothek der Moderne.

<P>Die Staatsgalerie moderner Kunst repräsentiert die Kunst des 20. Jahrhunderts . . .<BR>Schulz-Hoffmann : . . . die Staatsgalerie wird es nicht mehr geben. In der Pinakothek der Moderne nennen wir uns Bayerische Staatsgemäldesammlungen - Malerei, Skulptur, Neue Medien 20./21. Jahrhundert. <BR><BR></P><P>Ihr Museum stellt die Kunst der vergangenen 100 Jahre dar.<BR>Schulz-Hoffmann : Unser Konzept beruht einmal auf der Biografie der Sammlung und auf einem bestimmten kunsthistorischen Credo. Jede Sammlung hat ihr eigenes Gesicht. Es gibt Schwerpunkte, Brüche, aber auch entschiedene Lücken. Wir können vor allem auf Beckmann, Beuys, Warhol oder Baselitz verweisen. Es wäre völlig falsch, alles darstellen zu wollen. Es werden stattdessen Schwerpunkte auf wichtige Fragestellungen der Kunst gesetzt. Und eine enzyklopädische Hängung würde diese Fragestellungen nur verwässern. <BR><BR>Was sind das für Kernprobleme?<BR>Schulz-Hoffmann : Zum Beispiel bei Beckmann die Auseinandersetzung mit der existenziellen Unfreiheit, mit der Bindung des Menschen an die Materie, die Unmöglichkeit, sich darüber zu erheben. Das hat auch bis heute an Brisanz gewonnen. Ein anderer Punkt wäre: Wie kann man mit dem Gegenstand umgehen, ohne ihn bloß zu reproduzieren? Oder: die Brüchigkeit des Individuums; das Verhältnis von Einzelnem und Masse, etwa bei Andy Warhol.<BR><BR>Wie ist der Rundgang angelegt?<BR>Schulz-Hoffmann : Die Architektur ist sehr offen. Am Anfang dachte ich, meine Güte, es ist extrem schwer, da einen Rundgang festzulegen, die Besucher können ja ständig "ausbüchsen". Während der Planungszeit wurde mir zunehmend klar, dass das ein Vorteil ist. Die Kunst des 20. Jahrhunderts läuft auch nicht linear ab. Unser Stichjahr ist 1905 mit Fauvismus, die "Brücke" entsteht, zwei Jahre später der Kubismus. Wir werden mit zentralen historischen Positionen Dialoge zwischen den Künstlern und Richtungen herstellen.<BR>Es gibt verschiedene Modelle für so ein Museum: die erwähnte enzyklopädische Betrachtung oder, was ernsthaft zu diskutieren ist, der Zeitschnitt, wie ihn die Londoner Tate Modern versucht. Bei dem wird Altes mit Neuem verbunden. Das kann spannend sein, bekommt aber schnell etwas Gesuchtes. Und ich denke, wir haben als Museum einen Vermittlungsauftrag, dürfen das Durchschnittspublikum nicht überfordern. Die Räume sind so zusammengestellt, dass eine unsichtbare Didaktik entsteht. Die grobe Chronologie bleibt. Im Westflügel die Klassische Moderne, im Ostflügel Gegenwartskunst ab 1960. Die Klassische Moderne wird statisch präsentiert werden, denn es gibt Werke, die die Menschen immer sehen wollen. Bei der aktuellen Kunst wird es einen Austausch häufig geben. Das steigert auch den Aufmerksamkeitswert.<BR><BR>Wie kann sich das Münchner Museum von vergleichbaren Häusern abheben?<BR>Schulz-Hoffmann : Das ist ein wichtiges Anliegen. Die Stärken sollen präzisiert werden, damit das Profil schärfer herauskommt. Wir haben zum Beispiel keine substanzielle Pop-Art-Sammlung, nur ein frühes Selbstbildnis von Warhol. Wir waren der Meinung, dass sein Spätwerk, das noch wenig beachtet wird, wichtig ist. Jetzt konnten wir einen Raum mit interessanten Werken konzipieren, bei deren Erwerb uns der Galerieverein geholfen hat. Der hat sich übrigens in "Pin" umbenannt. Ich lege außerdem Wert auf die Strategie, keine Leihgaben zu integrieren, sondern nur Arbeiten, von denen wir hoffen, sie ankaufen zu können. Wir wollen uns nicht mit fremden Federn schmücken; mit nichts, das wieder abgezogen werden könnte.<BR><BR>Welche Wechselausstellungen planen Sie?<BR>Schulz-Hoffmann : Es gibt einige Themen, aber wir müssen uns mit den Kollegen der anderen Museen abstimmen. Wir werden jetzt innerhalb eines Jahres unsere Video-Bestände zeigen. Mit Pipilotti Rist, Hubbard/Birchler und Rineke Dijkstra beginnen wir. Dann gibt es einen großen Stoff, der mir sehr am Herzen liegt, und zwar das Frauenbild bei Picasso, Beckmann und de Kooning. Sie haben ihr Selbstverständnis über das Frauenbild definiert. Ein Projekt wäre auch "Die Revolution liegt in uns" - nach Beuys. Aber: Wir sind kein Ausstellungshaus; große Expositionen könnten wir nur mit dem Haus der Kunst machen. In der Pinakothek der Moderne möchte ich höchstens einzelne Säle freiräumen. Zum Beispiel, wenn wir mit Amsterdam zusammen die Schau "Beckmann in der Emigration" konzipieren, dann benutzen wir die Räume neben unserem ständigen Beckmann-Saal. Genauso wird es auch eine Vernetzung mit der Alten und Neuen Pinakothek geben, etwa El Greco und die Expressionisten.<BR><BR>Apropos Vernetzung; wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kollegen in der dritten Pinakothek?<BR>Schulz-Hoffmann : Zunächst wollen wir alle, was wir bisher nicht konnten, uns gut präsentieren. Schon allein die Architektur von Braunfels ermöglicht Blickachsen, sodass man von einem Museum ins andere schauen kann, eine selbstverständliche Verzahnung. Ich bin ohnehin kein Freund einer permanenten Durchmischung. Das funktioniert nur bei bestimmten Themen. Übrigens sind auch wichtige Werke aus der Sammlung Brandhorst in die jetzige Erstpräsentation miteinbezogen. Die Sammlung ist ein gemeinsamer Pool; und die Zusammenarbeit ist wirklich partnerschaftlich.<BR><BR>Trauern Sie dem Haus der Kunst, in dessen Westflügel die Staatsgalerie untergebracht war, nach?<BR>Schulz-Hoffmann : Ich denke mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. Seit 1975 mussten wir dort aus einem Mangel heraus etwas erreichen. Ohne das Haus der Kunst gäbe es keine Pinakothek der Moderne. Wir mussten eine Sammlung aufbauen, die beweist, dass sie so substanziell ist, dass sie ein eigenes Museum verdient. Dieser Mangel hat Kräfte frei gesetzt. Nun haben wir ein wunderbares Haus, aber wir dürfen uns nicht aufs Altenteil setzen. Das ist kein Endpunkt, sondern ein Work in Progress.<BR><BR>Zehn Jahre Planungsphase, noch viel länger Hoffen auf ein richtiges Haus - was hat Sie in der Zeit am meisten berührt?<BR>Schulz-Hoffmann : Am bewegendsten war, dass es Hans Zehetmair gelungen ist, den Bauplatz frei zu bekommen. Wir waren alle deprimiert, nachdem der Ort der TU zugeschlagen wurde. Ein Schock war die Regierungserklärung von Stoiber 1993, in der er die Pinakothek der Moderne zwar für wichtig befunden, aber doch zurückgestellt hat. Es sei denn, zehn Prozent der Bausumme kämen durch Spenden zusammen. Zunächst haben wir gedacht, das ist nicht zu schaffen. Dann aber hat uns in kürzester Zeit eine breite Bürgerbewegung großen Rückhalt gegeben. Das war das Aufwühlendste. Deswegen wird auch auf der Ehrentafel der Bürger Bayerns gedacht.</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger<BR></P>

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